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Als Gruppenleiter im Ferienlager

Ich hatte einst 10 Kinder, alles Bengels so um die 9 Jahre. Sie hätten mich sicher in den Wahnsinn getrieben, wenn ich mich um sie gekümmert hätte, so, wie es eigentlich meine Pflicht als Gruppenleiter im Ferienlager gewesen wäre. Aber was hatte man denn von den Semesterferien, wenn man sich von kleinen, nervigen Schreihälsen fremder Leute die Urlaubslaune verderben ließ? Also überließ ich die kleinen Racker sich selbst, was einerseits ihrem Freiheitsbedürfnis entgegenkam, anderseits eine wichtige erzieherische Maßnahme war, denn so waren sich die kleinen Teufel gegenseitig Strafe genug. Sie hatten sich verdient, und ich hatte eine bisschen Ruhe verdient. Die anderen "Gruppenleiter" taten es mir gleich. Vom ersten Tag an verband uns ein unsichtbares Band der Sympathie, des stillen Einverständnisses und einer innigen Geistesbruderschaft - oder es war einfach nur der Suff. Was haben wir gesoffen! Morgens schliefen wir immer gründlich unseren Rausch aus, gegen zwölf trafen wir uns zum Katerfrühstück beim Mittagessen, nachmittags sonnten wir uns am Strand und gingen baden, und abends spielten wir lustige Saufspiele mit Straftequila und Triumphsekt. Außerdem hatten wir eine Sonderregel eingeführt: Wer als erster kotzte, musste am nächsten Tag nach den Kindern sehen.

 

Am 5. Tag traf es mich. Das Rippeltippelspiel hatte mir zu viele Straftequila eingebrockt, und so wagte ich mich am nächsten Tag mit schwerem Kopf in die Kinderbaracken.
"Hey, du da! Wie heißt du?"
"Dominik."
"Wer ist dein Gruppenleiter?"
"Du."
"Ach. Bist du sicher?"
"Ja."
"Scheiße. Weißt du zufällig, wer noch in meiner Gruppe ist?"
"Paul, Aaron, Sven, Gunnar, Riko, Lars, Thomas, ... und der Tote."
"Und wo sind die alle?"
"Weiß nicht."
"Komm. Gib dir mal ein bisschen Mühe!"
"Paul und Aaron sind meistens beim Steine Schmeißen an der Straße, die anderen könnten am See sein, und der Tote ist auf seinem Zimmer."
"Pass auf! Du holst jetzt Paul und Aaron von der Straße weg und sagst ihnen, sie sollen zum See kommen. Wir treffen uns dort, um mal kurz zu reden. Und dem Typ auf dem Zimmer sagst du auch bescheid. Wie hieß der noch mal?"
"Weiß nicht."
"Hol ihn trotzdem!"

 

Ich ging zum See runter, zeigte den Kinder eine astreine Arschbombe und fragte dann unter allgemeinem Applaus, wer in meiner Gruppe sei. Nach einer Weile trudelten auch Paul und Aaron ein. Dominik ließ länger auf sich warten. Als er endlich kam, zog er eine Kinderleiche hinter sich her.
"Hey Dominik, habe ich euch nicht gesagt, ihr sollt nicht mit Leichen spielen?"
"Aber der gehört auch zu unserer Gruppe."
Auf einem Schlag war ich wieder nüchtern. Das hatte man nun davon, wenn man den Kindern ein bisschen Freiheit gewährte. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass man mich dafür verantwortlich machen konnte. Ich fragte die Kinder, was vorgefallen sei, aber die genauen Vorgänge ließen sich nicht mehr rekonstruieren. Wie der Tote hieß, konnte mir auch keiner sagen.
"Gut," sagte ich, "Wenn keiner mehr weiß, wie der Tote heißt, dann kann auch keiner behaupten, dass er in meiner Gruppe war. Wenn euch jemand fragt, dann sagt ihr, er sei in Karstens Gruppe gewesen. Jetzt müssen wir nur noch überlegen, was wir mit der Leiche machen."
Der kleine Dominik, der ein sehr aufgewecktes Kind zu sein schien, meldete sich:
"Soll ich ihn zu den anderen Leichen bringen?"
"Was für andere Leichen?"

 

Es stellte sich heraus, dass am ersten Tag ein Kind vom Auto überfahren wurde, einem anderen Kind hatte man das Insulin gestohlen. Die Gruppenleiter, die vor mir das Wetttrinken verloren hatten, waren auf dieselbe Idee wie ich gekommen und hatten die Toten anderen Gruppen zugeschustert, nachdem sie sie im Wald verscharrt hatten. In den nächsten Tagen gab ich mir bei den Saufspielen mehr Mühe. Ich hielt mich zurück, bis der erste kotzte, und trank mich dann ins Koma, um alles zu vergessen. Doch am Tag unserer Abreise mußten wir der grausamen Wahrheit ins Auge sehen. Wir berieten bis in die Morgenstunden, was zu tun sei und kamen schließlich auf folgende Lösung. Wir waren acht Gruppenleiter, und es waren auch acht Kinderleichen, die unter der großen Kiefer verwesten. Also beschlossen wir, den Platz der toten Kinder in ihren Familien einzunehmen.

 

Seitdem gehe ich wieder in die vierte Klasse und heiße Malte. Ich bin der einzige in der Klasse, der sich schon rasiert. Meine Eltern sind sehr stolz auf mich, weil sich seit den Sommerferien meine Zensuren so stark verbessert haben. Deshalb gehe ich sehr gerne zur Schule, ein bisschen aber auch wegen unserer Lehrerin Fräulein Kleinschmidt, in die ich mich ein bisschen verliebt habe. Das muss die Pubertät sein. Wenn ich groß bin, will ich sie heiraten. Aber vielleicht kann ich sie auch schon vorher zur Unzucht mit Minderjährigen überreden.