Chaussee der Enthusiasten



Die schönsten Schriftsteller Berlins erzählen was

Stephan ZeisigRobert NaumannDanBohniVolker StrübingJochen Schmidt

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Unser Lehrer Dr. Specht Zeisig
Als Gewölbe bezeichnet man den im Querschnitt bogenförmigen, oberen Teil eines Raumes, der aus Steinen, Ziegeln oder in neuerer Zeit aus Beton gebildet wird.
...

Hat ein Gewölbe zwei gleich hohe parallele Widerlager, so nennt man es Tonnengewölbe, unabhängig von der Wölblinie.


(WIKIPEDIA)

Montag, 6. September

Heute habe ich im Leistungskurs PW, 12. Klasse eine Doppelstunde lang hospitiert. In diesem Kurs möchte ich am Donnerstag zwei Stunden unterrichten. Der Kurs ist gerade bei der Novemberrevolution 1918. Die ersten 30 Minuten über wurden vom Lehrer für die Klärung der Anwesenheitsfrage verwandt. Da die erste Stunde dann schon fast rum war und sich ein überstürzter Einstieg in den Stoff jetzt nicht mehr gelohnt hätte, kam Herr Bock dann auf die im nächsten Frühjahr anstehende Kursfahrt nach Rom und Neapel zu sprechen, weil sich immer noch nicht alle Teilnehmer des Leistungskurses endgültig entschieden hatten, ob sie denn mitfahren wollten oder nicht. Die zweite Stunde begann mit der Überprüfung der Anwesenheit. Herr Bock konnte ja nicht wissen, ob sich nicht in der Pause welche davongemacht hatten. Nach fünf Minuten fragte Serap, ob sie mal auf Toilette gehen dürfe. Worauf Herr Bock in fünf Minuten ausführlich antwortete, ja, aber das sei das letzte Mal. Nächstes Mal lasse er keinen Schüler mehr in der Stunde raus. Michael erkundigte sich, wie es mit der Ausdehnung des Reichs Alexanders des Großen ausgesehen habe, einen Spielball, den Herr Bock gerne aufnahm, um nicht nur die Ausdehnung des Reichs Alexander des Großen graphisch darzustellen, sondern die gesamte sich anschließende Weltgeschichte über die Griechen, das Römische Reich bis hin zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen. Unterbrochen wurde er in seinen Ausführungen nur von der Frage Hatices, was denn ein Tonnengewölbe sei. Die musste das für ein Referat über Tonnengewölbe wissen, welches sie in der anschließenden Stunde in Kunst zu halten hatte. Da die Zeit dann schon fast rum war, entschied sich Herr Bock, noch einen Film einzulegen. Es gab aber ein Problem mit dem Videorekorder, und der Start des Films wurde auf morgen verschoben. Das hatte jetzt natürlich wenig mit der Novemberrevolution zu tun, aber immerhin zeichnete sich der Unterricht in meinen bisherigen Hospitationen durch eine sehr repetitive Struktur aus. Anwesenheit klären, Kursfahrt nach Rom und Neapel besprechen, für die es vier Listen gibt, eine für die Schüler, die ganz sicher mitkommen werden, eine für die Schüler, die wahrscheinlich mitkommen werden, eine Liste für die Schüler, die Lust haben, aber noch nicht wissen, ob sie können und die letzte Liste, auf der sich die Schüler eintragen sollen, die mitkämen, falls spontan entschieden würde, dass der Kurs nicht nach Rom und Neapel, sondern nach Rimini führe. Ebenso unentbehrlich sind lange Ausführungen des Lehrers zu historischen Themen aus der Antike, die regelmäßig mit der Bemerkung schließen, das sei lediglich historisches Grundwissen, man könne aber davon ausgehen, dass Gerhard Schröder nicht mal die Hälfte davon wisse und George W. Bush nicht mal ein Zehntel. Da die Schüler nicht bereit sind, ruhig seinen Geschichten zu lauschen und unentwegt quatschen, muss der Lehrer hin und wieder laut daran erinnern, dass sie hier in einem Leistungskurs seien. Zu jeder vollständigen Stunde gehört auch der Versuch, einen Videofilm zu zeigen, damit der Lehrer nicht extra was zur Weimarer Republik selbst erzählen muss, wo das Thema doch schon hervorragend von Guido Knopp unter dem Titel Hitlers Gefängniswärter in den Jahren 1923 und 1924 didaktisch aufbereitet wurde. Diese Versuche sind bisher jedes Mal gescheitert, mitunter, weil Herr Bock den Schlüssel zum Videorekorder-Schrank, ein anderes Mal den Film selbst vergessen hatte. Ich habe das Thema des Semesters nur erfahren, weil ein Schüler, der das selber gerne wissen wollte, im Lehrplan nachgeschlagen hatte. Am Ende der heutigen Doppelstunde hat Herr Bock dann auf mich verwiesen, damit ich mich kurz vorstellen konnte. Und als ein Schüler vorschlug, ich solle doch am Donnerstag mit ihnen Braveheart schauen, wollte ich nicht so ernst rüberkommen und entgegnete: „Das eins schon mal klar ist! Donnerstag pfeift hier ein anderer Wind!“ Die Schüler fanden es ganz lustig. Herr Bock wollte mich dann aber doch nicht mehr bei sich unterrichten lassen. Wenn ich mich für was Besseres halte, könne ich mir ja eine andere Klasse suchen.
Dienstag, 7. September 04

Meine Politikstunde in der 11b fing ganz gut an, bis ich das erste Mal Ramzi rannahm, dessen Namen ich noch nicht wusste und darum erfragte: „Wie heißen Sie?“ „Ramzi!“ „Ah, ja, das kann man sich ja gut merken, so wie der Terrorist Ramzi Binalship.” Die Bemerkung wurde irgendwie nicht so gut aufgenommen. Ich spürte das und versuchte die Situation zu retten, indem ich schnell hinterher schob: „Na, Sie können ja nichts für ihren Namen, den haben Sie sich ja nicht ausgesucht. Da muss man Ihren Eltern einen Vorwurf machen, dass sie Sie nach einem Terroristen benannt haben. Ich glaub Ihnen aber, dass Sie persönlich mit dem 11. September nichts zu tun haben.“ Dann mischte sich Herr Schall ein und meinte, es sei wohl besser, wenn er die Stunde zu Ende führe.
Mittwoch, 8. September 04

Heute war ich in einer unangenehmen Situation, als ich mich mit Schülern der zehnten Klasse über Musik unterhalten habe. Hätte ich mich wie ein normaler Lehrer verhalten, hätte ich in der Situation zum Ausdruck bringen müssen: Wer? Eminem? Nein, den kenne ich nicht. Ich höre Tina Turner und Joe Cocker. Ich könne ihnen aber gerne mal eine Kassette mitbringen, falls sie schon so was wie einen Kassettenrekorder zu Hause hätten. Aber dazu kam es gar nicht, da ich all die Bands hörte, die sie eigentlich gut zu finden hätten. Besonders unangenehm war es mir, den französischen Austauschschüler Pierre darüber zu informieren, dass französische Acts wie Déportivo, Luke, Autour de Lucie und Mickey 3D, die er nicht kannte, bei ihm zu Hause gerade total angesagt sind.
Donnerstag, 9. September 04

Als angehender Französischlehrer hüte ich mich davor, wie sonst in der S-Bahn le monde zu lesen. Es kommt ja doch immer wieder vor, dass ich ein Wort nachschlagen muss. Das geht natürlich nicht. Ich darf mir nicht vor den Schülern, die mit mir zu Schule fahren, die Blöße geben, etwas nicht zu wissen. Schließlich nehmen Sie mich nur ernst, sofern sie glauben, ich würde den kompletten französischen Wortschatz auswendig kennen. Leider wird man manchmal auch im Unterricht von Schülern nach Begriffen gefragt, die einem dann nicht sofort einfallen. In der Regel greife ich dann auf den Ausdruck truc zurück. Das heißt Ding und kann im Grunde sämtliche Begriffe ersetzen, von Milch über Bolzenschneider bis hin zu Restitutionsanspruch. Nur wenn ein Lehrer bei mir hospitiert, muss ich darauf verzichten. Dann behelfe ich mich damit, dass ich den Schüler auffordere, das gleiche in anderen, in seinen Worten auszudrücken.
Freitag, 10. September 04

Jeder Lehrer hat einen Code für den Kopierer, anhand dessen nachgeprüft werden kann, wie hoch der Kopiebedarf jedes einzelnen Kollegen ist. Ernste Konsequenzen hat das Kopierverhalten allerdings nicht. Es wurde von noch keinem Lehrer der Beamtenstatus aufgelöst, nachdem er sein Kopiebudget überschritten hatte. Von Gehaltskürzungen berichtete mir auch niemand. Aber vermutlich werden Verschwender zu Beginn des neuen Schuljahres, wenn sie sich beim Direktor ihren neuen Code holen, von diesem vorwurfsvoll angeguckt. So vermutlich auch Frau Stolze, eine kleine Muttchenlehrerin mit ständig leidvollem und ängstlichem Gesicht, die vermutlich von ihren Schülern immer fertig gemacht wird. „Dürfte ich mal auf ihren Code eine Kopie für meine Stunde machen.“ „Nee! Ich hab schon so viele Kopien gemacht. Fragen Sie mal einen Kollegen, der noch nicht so viel kopiert hat.“ „Woher soll ich denn wissen, wer nicht so viel kopiert hat?“ „Gehen Sie ins Sekretariat und lassen Sie sich die aktuelle Rangliste durchgeben.“ Leicht bedient tat ich das. Schließlich sollte meine Kopie nicht dafür verantwortlich sein, dass Frau Stolze ihren Code im nächsten Jahr vom Direktor nur mit dem mahnenden Zeigefinger und der drohenden Bemerkung na na erhielt. Im Sekretariat wurde ich aber enttäuscht. Man dürfe mir den Stand nur mit schriftlicher Einverständniserklärung jedes einzelnen Betroffen mitteilen. Meine Stunde war in fünf Minuten, und ich sprintete stattdessen zum nächsten Copyshop.
Letzter Teil: Spiel mir das Lied vom Tod