Es kam aus der Leitung III

Die Geheimloge "Zur goldenen Pforte"

von Dan Richter

 

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 Besetzung:
Siegemut– Stephan Zeisig
Sprecher – Dan Richter
Hohenstolz – Robert Naumann
Großmeister – Jochen Schmidt
Samuel – Volker Strübing

 

aufgeführt bei der Chaussee der Enthusiasten
am 11.5.06

 

SPRECHER: Beim lustigen Versteckspiel von fünf Teenagerfreunden findet Erik lediglich die massakrierten Überreste seiner Kumpels vor. Eine Stimme gibt ihm per Mobiltelefon bescheid, dass Erik der Auserkorene sei. Doch niemand glaubt ihm die Story – weder die närrische Polizei noch seine eigene Mutter. Selbst die Eltern von Ambrosius können sich nicht erinnern, jemals einen Sohn gehabt zu haben.
Der eine oder andere Zuschauer mag sich inzwischen fragen, ob dieses Stück hier bloß reiner Klamauk ist. Solchen Zuschauern sagen wir: Fast euch an die eigene Nase. Ist euer Leben nicht klamaukiger als es ein Theaterstück je sein könnte? In der heutigen Folge werden wir dem Neorealismus die Hand reichen zum Tanze. Hei-ho, hei-ho. Ihr werdet vielleicht etwas lernen, wenn ihr eure Augen aufsperrt, vielleicht auch nicht. Das ist uns egal. Wir schmeißen euch doch das Wissen nicht hinterher. Man muss auch aufpassen als Zugucker. Wir sind doch nicht das Fernsehen. Was wir auch nicht sind, ist die Universität, wo ihr euch die teuren Bücher kopiert, die Kopien locht und abheftet und das war’s. Eventuell streicht ihr euch noch hie und da einen Satz mit neonfarbenem Marker an. Und was, wenn zufälligerweise das ganze Buch wichtig ist? Bei einem wirklich guten Buch, zählt jeder Satz. Da tut dann das Nachdenken schon weh? Wollt ihr euch dann jeden Satz anstreichen, oder was? Aber wenn ihr das tut, dann braucht ihr euch auch gar keinen Satz anzustreichen. Lernen heißt auch Zusammenhänge herzustellen. Das Hirn ist keine Festplatte, auf der man Dateien ablegt. Es ist ein Fischernetz, dessen Maschen immer dichter geknüpft werden. Die Wissensfische, die sich darin verheddern, ordnen wir im Kopf zu einem lustigen Muster an. Dieses Muster heißt Kunst. Jetzt könnte ein Frechdachs daherkommen und sagen: Was ist denn das für ein seltsamer Kunstbegriff? So einem Würstchen begegnen wir mit dem Argument: Hau ab! Nimm dir doch lieber dein Lexikon und streich den Text zum Stichwort „Kunst“ neongelb an. Das ist uns doch egal. Neongelb, manche sagen auch neongrün ist seit dem unlustigen Dahinscheiden der 80er Jahre eine unterschätzte Farbe geworden. Nur die Herstellerfirma von neonfarbenen Textmarkern hat das noch nicht mitgekriegt oder sie ist auf sympathische Weise widerborstig und verpasst den pastellgekleideten Studenten auf diese Art einen ästhetischen Denkzettel. Die Firma macht ihr eigenes Ding. Sie kehrt sich nicht um Schrot und Teufel. Das finden wir gut. Wir machen auch unser Ding. Heute besteht „unser Ding“ aus einer extrem neorealistischen Darstellung des dritten Teils von „Es kam aus der Leitung“, wobei natürlich die Frage berechtigt ist, ob Neorealismus überhaupt noch das Gebot der Stunde ist. In der Macbeth-Inszenierung, die zum Auftakt des Berliner Theatertreffens gegeben wurde, waren die Schauspieler mit Blut bekleckert und aßen Kot. Guten Appetit! Aus den Körperflüssigkeiten der Bühne bauen wir uns die Theaterskandale des 21. Jahrhunderts. Wollt ihr so was? Nein wollt ihr nicht. Hat das was mit Konservatismus zu tun? Das ist uns egal. Konservatismus – was ist das überhaupt für ein schwammiger Vorwurf! Weißt du überhaupt, woher der Begriff kommt? Von Konserve nämlich, womit wir beim Stichwort zur heutigen Szene wären: Gleicht unsere Welt heutzutage nicht einer Konserve? Einer Konserve, in der kleine Mandarinenstückchen schwimmen. Sie haben keine Schale mehr, und das Wasser, in dem die Mandarinenstückchen ihre Planschereien veranstalten, schmeckt irgendwie bitter. Hat jemand drauf, diese Mandarinen-Pisse zu trinken, da sind doch wahrscheinlich lauter Konservierungsstoffe drin. Ha, ha, ha.

 

Sitzung des Geheimbundes zur goldenen Pforte.
Es nehmen teil: Samuel, Hohenstolz, Siegemut und Der Großmeister,

 

GROSSMEISTER: Hahaha! Das klingt ja großartig. Und du, Samuel, Magier des schäumenden Äthers, was hast du vollbracht in der letzten Woche?

SAMUEL: Mir, oh Großmeister der goldenen Pforte, ist es abermals gelungen, die Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates gegeneinander auszuspielen.

 

Applaus

 

GROSSMEISTER: Sehr gut, sehr gut. Und was ist mit dir, Hohenstolz, Untermeister der  sieben Winde, hast du uns etwas Vergnügliches zu berichten?

HOHENSTOLZ: Jawohl, ich habe heute früh lange geschlafen.

 

Applaus

 

GROSSMEISTER: Das lässt sich hören. Und du, Siegemut, wir sind gespannt auf deinen Bericht.

SIEGEMUT: Ich habe einem Teenager die Kumpels abgemurkst.

GROSSMEISTER: So, so, wie bist du dabei vorgegangen?

SIEGEMUT: Gift war meine Waffe Nummer Eins.
Das wirkt immer. Und mir scheint’s,
dass auch der gute alte Strick
mir beim Töten bringt viel Glück.
Und außerdem nahm ich ein Messer,
Und ich find, das klappt viel besser,
als damals, wo ich noch sehr jung
und mit Messern nicht in Schwung.
Desweitren nahm ich einen Colt,
(einen Revolver, wenn ihr so wollt).
Gewirkt haben alle diese Waffen.

GROSSMEISTER: Was war mit den Bullen?

SIEGEMUT:                                            Alles Affen!
Von denen hab auch einen ich gemeuchelt,
der etwas Mitgefühl geheuchelt.

GROSSMEISTER: Und die Eltern der Jungen, was ist mit denen?

SIEGEMUT: Das Gedächtnis tat ich denen nehmen.
Nur einer von ihnen war rein wie Blei.
Ich ließ ihn am Leben und es sei
mir gewährt eine einz’ge Bitte.

GROSSMEISTER: Hey, was soll denn ditte?

SIEGEMUT: Ich weiß, es klingt doch recht verwegen.
Doch ich bitt euch, gebt mir euren Segen.
Ich will den Knaben noch etwas verwirren,
und sollte ich mich nicht ganz irren,
so habe ich ihn bald soweit,
dass er für eine Aufgabe von uns ist bereit.



HOHENSTOLZ: Also, ick find dit super.

SAMUEL: Jou!

GROSSMEISTER: So hast du meinen Segen.

SIEGEMUT: Jippie! (geht jubelnd ab).

GROSSMEISTER: Die Versammlung ist hiermit beendet.

GROSSMEISTER, SAMUEL; HOHENSTOLZ (zusammen): Ho, ho, ho!

 

SPRECHER: Na, ihr lieben, habe ich zu viel versprochen? Auf einmal knüppern sich die verschiedenen Erzählstränge der Story wie von selber zusammen, und nächstes Mal wird’s noch doller, wenn es wieder heißt: „Es kam aus der Leitung“.

Musik!

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