Es kam aus der Leitung VIII

Die Mousse au Chocolat auf dem Sack

von Dan Richter

 

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 Besetzung:
Enkel Steven– Stephan Zeisig
Erik – Bohni
Sprecher,– Dan Richter
Ambrosius – Jochen Schmidt
Adenauer – Robert Naumann


 

aufgeführt bei der Chaussee der Enthusiasten
am 22.6.06

 

(Um den Film zu sehen, brauchen Sie den Macromedia Flash Player.)

 

SPRECHER: Nachdem Erik die Weltherrschaft übernommen hatte, verschwand er in die Kanalisation. Zig Jahre später erzählt er seinem Enkel davon.

 

Erik und Steven am vorderen Rand der Bühne

 

STEVEN: Soll das heißen – du hast dir dieses Leben hier in der Kanalisation freiwillig ausgesucht?

ERIK: „Freiwillig, freiwillig!“ Was weißt du denn schon von freiem Willen. Die Umstände zwangen mich – die Bürde der Verantwortung. Das Dilemma, Gutes zu wollen und Schlechtes tun zu müssen!

STEVEN: Aber Opa, du ziehst mich voll mit rein in den Scheiß deiner vergurkten Biografie. Ich hab doch mit all dem nichts zu tun.

ERIK: Wohl wahr!

STEVEN: Und dennoch muss ich hier in der Kanalisation leben. Ein Leben, das, wie du zugeben musst, uns den Ratten, die unsere tägliche Kost sind, immer ähnlicher macht.

ERIK: Ein Umstand, den zu leugnen mir schwerer fiele, als du glaubst.

STEVEN: Nun denn – die Freiheit will ich!
Und Freiheit gib mir du!

ERIK: Du Naseweis! Ahnst du denn, dass nur der sich Freiheit verdient wie das Leben, der täglich sie erobern muss.

STEVEN: Ja, Opa.

ERIK: So schau nur hier! (er deutet auf die Tür)

STEVEN: Ein Türlein ist’s, das noch nie ich hier erspäht.

ERIK: Ein Türlein, wohl! Mag es dir die Freiheit weisen,
allein werd ich nun Ratten speisen. (er geht ab.)

STEVEN: Ein Tor, ein Türlein, ei der Daus!
Soll ich die Klinke wohl drücken?
Dann, Rattenleben, ist’s vorbei mit dir.
Auf der anderen Seite ist die Ratte in der Hand besser als die Mousse au Chocolat auf dem Sack. Nun, frisch gewagt! Und was, wenn sie verschlossen? Wie soll ich dann den Schlüssel finden, und selbst wenn den Schlüssel ich gefunden, dann ist es doch noch lange nicht gesagt, dass dieser Schlüssel passt. Und selbst wenn der Schlüssel passt, vielleicht ist hinter der Tür ja nur eine Wand, hinter der es nicht weitergeht. Und selbst wenn es hinter der Tür weitergeht, dann ist ja noch lange nicht gesagt, dass mich der dahinterliegende Weg in die Freiheit führt. Und selbst wenn mich der dahinterliegende Weg in die Freiheit führt, wer sagt mir denn, dass mir diese Freiheit schmecket. Und selbst wenn mir diese Freiheit schmecket, wer sagt denn, dass ich nicht durch ihren unachtsamen Gebrauch jemand anderem schade. Ist also Nichtstun seliger als Tun? Harren seliger denn Bewegung? Tod besser als Leben?
Ich muss nachdenken, bevor ich’s übereile.

 

Er setzt sich auf einen Stuhl. Wartet. Schaut Richtung Publikum

 

SPRECHER: Fünf Jahre später

STEVEN: Ja, ich tu’s.

Er geht zur Tür und streckt die Hand danach aus.

STEVEN: Oder nein, lieber doch nicht.

Er setzt sich auf einen Stuhl. Wartet. Schaut Richtung Publikum

 

SPRECHER: Zwanzig Jahre später

STEVEN: Was soll’s, wenn ich nichts unternehme, werde ich nie herausfinden, was es denn nun mit der sogenannten Freiheit auf sich hat.

Geht zur Tür und öffnet sie. Geht gebückt durch den Zuschauerraum, dann seitlich off.

 

Seitlich Offstage: Ambrosius, Adenauer, Erik

 

AMBROSIUS: Verstecken!

ERIK: Und wer sucht?

AMBROSIUS: Adenauer!

ADENAUER: Eins, zwei, drei... (zählt extrem langsam bis zwanzig). Ich komme!

AMBROSIUS (geht währenddessen auf die Bühne und läuft dort suchend hin und her):
Welches Versteck wär am geeignetsten?
Ein Baum? – Zu hoch!
Ein Pfahl? – Zu schmal!
Ein Haus? – Zu klaus-
trophobisch wird mir da zumut.
Doch oh! Doch oh! Was seh ich da?
Ein Gullydeckel! Ja, ja, ja!
Als Versteck – perfekt.
Doch was ist das? Haben die Drogen
meine Wahrnehmung verbogen?

STEVEN: (hebt den Gullydeckel an und kriecht von unten aus der Kanalisation): Guten Tag! Liegt hier dei Freiheit?

AMBROSIUS: Was? Wie? Oh Gott! Ein Penner!

STEVEN: Guten Tag! Ob ein Penner ich bin, vermag ich nicht zu sagen. Solch Vokabular erschließet mir sich nicht. Doch zurück zu meiner Frag’ – die Freiheit, liegt sie hier?

AMBROSIUS: Aaaaaaaah! (rennt weg)

STEVEN: Welch seltsames Wesen!

Adenauer auf die Bühne

 

ADENAUER: (sieht den Gully) Ah ja. In den Gully ist er also rein.

STEVEN: Vielleicht könnt Ihr mir sagen, ob dies das Reich der Freiheit ist.

ADENAUER kriecht in den Gully: Keine Zeit

Geht gebückt durch den Zuschauerraum, dann seitlich off.

 

STEVEN (deklamierend ins Publikum): Und will mir niemand Auskunft geben.
So scheint’s mit der Freiheit nicht weit her.
Lasst euch dieses eine Lehre sein. Und merkt es euch:
Die Freiheit ist ein reines Ding,
doch oft liegt’s im Verborgenen
Zum Beispiel wenn ein Vogel singt.
Oder wenn er „Kuckuck“ sagt.
Die Freiheit lässt sich nicht mit Händen greifen.
Es gibt auch Vögel, die nur pfeifen.
Es gibt auch Vögel, die nicht fliegen können.
Das ist aber kein Grund, sie zu schlachten.
Warum nicht?
Mit einer Metapher will ich dir antworten, junger Mensch!
Stell dir vor, es kommt ein Schüler an des Musiklehrers Haus vorbei. Das Haus hat zwei Eingänge: Einen großen mit einer Glastür, und einen kleinen mit einer Glastür. Der Junge geht rein, und als er drin ist, sieht er, wie der Lehrer mit der Frau rummacht. Es ist aber nicht der hier wohnende Musiklehrer, sondern der angeblich mit dem Musiklehrer befreundete Mathematiklehrer. Und die Frau ist die Schwester des Schülers. Sie ist volljährig. Glück gehabt.

SPRECHER: Ich hoffe, ihr habt diese Metapher verstanden, denn dies war das Ende des Theaterstücks „Es kam aus der Leitung“.
Verbeugung der Schauspieler

DAME aus dem Publikum: Was sollte denn das jetzt?

HERR aus dem Publikum: Das war die dämlichste Folge in dem ganzen Stück.

DAME aus dem Publikum: Sollte das jetzt die Auflösung sein, oder was?

HERR aus dem Publikum: Anscheinend.

DAME aus dem Publikum: Das ist doch Beschiss! Was ist denn jetzt mit Eriks Freunden?

HERR aus dem Publikum: Stimmt. Bloß weil die jetzt am Schluss in zirkulärer Referenz noch mal auftauchten, hat das der Sache doch keinen Sinn gegeben.

DAME aus dem Publikum: Und dass all die Leute in den Teilen 2 und 3 ihr Gedächtnis verloren haben, wurde gar nicht aufgelöst.

HERR aus dem Publikum: Und was war mit dieser komischen Sekte?

DAME aus dem Publikum: Die hatten irgendwas Großes mit Erik vor.

HERR aus dem Publikum: Genau. Und als es spannend wurde, haben sie die Handlung 50 Jahre übersprungen und ihn zum Greis gemacht.

DAME aus dem Publikum: Und was ich nicht verstehe: Wenn Erik der Großvater von Steven sein soll, wer sind dann Stevens Eltern. Das passt doch alles hinten und vorne nicht.

HERR aus dem Publikum: Genau! Beschiss!

DAME und HERR aus dem Publikum: BESCHIIISSS!

AMBROSIUS: Dann darf ich das Stück vielleicht noch mal mit einer kleinen Metapher erklären: Eine Biene fliegt über eine Wiese. Da trifft sie eine Blume. Diese Blume hat zwei Blüten: Die eine ist gelb, und die andere ist gelb. Und die dritte Blüte ist rot. Die Biene setzt sich auf die gelbe Blüte, holt den Nektar raus und geht nach Hause, dort kriegt sie Kloppe von den Nachbarn, weil sie den Briefkasten angezündet hat.

SPRECHER: Habt ihr diese Metapher verstanden?

DAME und HERR aus dem Publikum: Ja, jetzt ist alles klar.

SPRECHER: Super. Dann können wir ja jetzt auch Feierabend machen. Dies war das Ende des Theaterstücks „Es kam aus der Leitung“.


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