Chaussee der Enthusiasten


Die schönsten Schriftsteller Berlins erzählen was

Stephan ZeisigRobert NaumannDanBohniVolker StrübingJochen Schmidt

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Spiel mir das Lied vom Tod
(Die letzten Tage des Praktikanten)
»Es ist noch nicht lange her«, begann er endlich, »daß ich Sie so gut wie der jüngste meiner Söhne diesen Weg hätte führen können, aber vor ungefähr drei Jahren hatte ich ein Erlebnis, wie es keinem Sterblichen vorher begegnete – wenigstens überlebte es keiner, um davon erzählen zu können – und die sechs Stunden Todesangst, die ich damals erdulden mußte, haben mich an Leib und Seele gebrochen. Sie halten mich für einen sehr alten Mann – , ich bin es nicht. Es bedurfte weniger als eines einzigen Tages, um dies Haar aus glänzendem Schwarz in Weiß zu verwandeln, meine Glieder zu schwächen und meine Nerven so zu zerrütten, daß ich bei der geringsten Anstrengung zittere und ein Schatten mich zu erschrecken vermag. Glauben Sie wohl, daß ich kaum von dieser kleinen Klippe herunterblicken kann, ohne schwindelig zu werden?«
(Aus: Hinab in den Maelström, E.A.Poe)
Stephan nach seinem
Praktikum

Montag, 13. September 04

In meiner heutigen Stunde in der 8a kam die Schulsprecherin in die Klasse und kündigte die Gesamtschülerversammlung an, auf der die neue Schülervertretung gewählt werden sollte. Ihre Frage, ob es denn schon Freiwillige gäbe, stieß auf einhelliges Desinteresse. Ihr Argument, nur über die Schülervertretung könne man etwas in der Schule verbessern, zeigte auch keine Wirkung. Wie konnte man nur so unprofessionell sein? Ich griff ihr unter die Arme: „Wer in der Gesamtschülervertretung ist, hat mehr Freistunden und dem können die Lehrer nichts tun.“ Sofort gab es einige Jungs, die sich interessiert zeigten.
Dienstag, 14. September 04

Heute hatte ich Klausuraufsicht in der 10a, einer Klasse, in der ich schon vier Stunden unterrichtet habe. Für einen Praktikanten ist eine Klausuraufsicht zwar verboten. Aber ich habe Herrn Klusmeier versprochen, dass davon nie jemand erfährt. Und ich halte mein Wort. Als ich in der Klasse war, wurde ich erst mal von der Schülerin Babette auf meine Haare angesprochen: „Waren Sie beim Friseur?“ „Ja.“ „Sie haben ja ganz schöne Geheimratsecken. Sie kriegen bestimmt bald eine Glatze.“ Ich verkniff mir eine Bemerkung über ihre Brüste und entgegnete stattdessen: „Ich hab in Wirklichkeit keine Geheimratsecken, sondern meinem Friseur lediglich gesagt, er solle mir welche schneiden, weil das zur Zeit bei mir im Friedrichshain total in ist.“ Als Schönebergerin würde sie das nicht überprüfen können. Während der Klassenarbeit achtete ich darauf, dass ich niemanden beim Betrügen erwischte. Ich wollte keine Arbeiten vorzeitig einsammeln müssen. Sonst wären die Betroffenen dann sauer auf mich. und ich wäre nicht mehr mit allen Schülern der Klasse befreundet.
Mittwoch, 15. September 04

Heute klopfte in der dritten Stunde eine Schülerin der 7c ans Lehrerzimmer. Die Lehrerin sei nicht da und in der Klasse sei die Hölle los. Alle würden wie Irre durcheinander schreien und einige sich sogar prügeln. Die anwesenden Lehrer einigten sich sehr schnell auf mich als Aufsichtsperson. Herr Naumann zu mir: „Ich muss leider die nächste Stunde vorbereiten. Setzen Sie sich einfach rein und lesen Sie bis zum Ende der Stunde Zeitung. Das reicht in der Regel, damit sich die Schüler beruhigen.“ Auf dem Weg zur Klasse erklärte mir die Schülerin noch mal, wie schlimm ihre Mitschüler seien, dass sie das Schreien total ankotze, ebenso das Prügeln, um sich dann, nachdem sie die Schwelle zum Klassenraum übertreten hatte, schreiend auf ihre Sitznachbarin zu stürzen. Es war, als hätte sie eine Lichtschranke übertreten und sei nun in der Gröl- und Raufsphäre. Ich rechnete ernsthaft damit, mit Betreten des Raums ebenfalls loszublöken und irgendeinen Jungen zu vermöbeln. Aber ich war gegen die Atmosphäre offensichtlich resistent. Die Schüler gaben einen Scheißdreck auf meine Anwesenheit und legten gleich noch mal einige Dezibel drauf. Aber immerhin, sie attackierten mich nicht persönlich. Vermutlich, weil ich sie in Ruhe ließ. Ich musste nur ab und an ihren Wurfgeschossen ausweichen. Zeitungslesen war da natürlich nicht drin.
Donnerstag, 16. September 04

Heute hatte ich Pausenaufsicht. Dabei beobachtete ich einen Schüler der oberen Klassen, wie er ein Snickers-Papier nicht in den dafür vorgesehen Behälter, sondern auf den Boden schmiss. Ich wollte eigentlich nichts sagen. Er musste von alleine drauf kommen, dass man mit Mutter Natur so nicht umgehen durfte. Es nutzte nichts, ihm diese Erkenntnis aufzupfropfen. Aber Frau Gerhardt wies mich an, den Schüler aufzufordern, das Papier aufzuheben und in den Mülleimer zu werfen. Mir war das sehr unangenehm, so einfach den Lehrer raushängen zu lassen. So was war doch voll uncool. Er sollte auch nicht denken, ich sei ein Spießer. Bevor ich zu ihm ging, zog ich noch mal mein T-Shirt aus der Hose und schob mir einen Kaugummi in den Mund. Dann schlenderte ich betont wippend zu ihm: „Ey, hey man, ey dit wäre escht krass ey, man, wennde dit voll fette Papier, voll geil inde Mülleimer rintrowst.“ Seine Reaktion entsprach nicht ganz meinen Erwartungen: „Wat willst’n Du, Du kleener Spinner? Biste überhaupt schon aufm Gymnasium oda wat?“ Als sich Frau Gerhardt, die noch kleiner ist als ich war, dann zu uns gesellte, hat der Schüler sofort gehorcht. Sogar freundlich war er zu ihr. Irgendwas muss sie haben, was ich nicht hab.
Freitag, 17. September 04

Heute, an meinem letzten Tag, sind bestimmt so um die 150 Schüler ans Lehrerzimmer gekommen, um sich bei mir zu verabschieden und mir mitzuteilen, dass ich irgendwann mal der beste Lehrer werde, den sie jemals hatten. Besonders den hohen Mädchenanteil habe ich erfreut zur Kenntnis genommen. Mit allen hübschen Mädchen der Schüler habe ich mir auf ihren Wunsch hin die Telefonnummer ausgetauscht, um eventuelle Verständnisfragen zu meinen Stunde noch mal in Ruhe zu klären. Auch der Direktor, Herr Lückemann, hat mir versichert, dass ich der beste Praktikant bin, der jemals an dieser Schule war. Die Lehrerschaft konnte nur neidvoll beipflichten. Es wurde mir sogar schon versprochen, dass ich hier an der Schule auf jeden Fall eine Anstellung fände, egal ob ich mein Staatsexamen bestände oder nicht. Für mich würde man auch auf jeden Fall das Schulgesetz dahingehend ändern, dass Lehrer auch mit ihren Schülerinnen eine Beziehung eingehen dürften. Schließlich seien sie bei mir in guten Händen.
Ende