|






|
Chaussee-Bote
bestellen:
|
Stephans Tour-de-France-Kolumne
Stephans Erasmus-Tagebuch
Stephans taz-Kolumnen
|
|
|
Spiel mir das Lied vom Tod
(Die letzten Tage des Praktikanten)
|
|
»Es ist noch nicht
lange her«, begann er endlich, »daß ich Sie so gut wie der jüngste meiner
Söhne diesen Weg hätte führen können, aber vor ungefähr drei Jahren hatte
ich ein Erlebnis, wie es keinem Sterblichen vorher begegnete – wenigstens
überlebte es keiner, um davon erzählen zu können – und die sechs Stunden
Todesangst, die ich damals erdulden mußte, haben mich an Leib und Seele gebrochen.
Sie halten mich für einen sehr alten Mann – , ich bin es nicht. Es bedurfte
weniger als eines einzigen Tages, um dies Haar aus glänzendem Schwarz in
Weiß zu verwandeln, meine Glieder zu schwächen und meine Nerven so zu zerrütten,
daß ich bei der geringsten Anstrengung zittere und ein Schatten mich zu erschrecken
vermag. Glauben Sie wohl, daß ich kaum von dieser kleinen Klippe herunterblicken
kann, ohne schwindelig zu werden?«
(Aus: Hinab in den Maelström, E.A.Poe)
|
Stephan nach seinem
Praktikum
|
Montag, 13. September 04
In meiner heutigen Stunde in der 8a kam die Schulsprecherin in die Klasse
und kündigte die Gesamtschülerversammlung an, auf der die neue Schülervertretung
gewählt werden sollte. Ihre Frage, ob es denn schon Freiwillige gäbe, stieß
auf einhelliges Desinteresse. Ihr Argument, nur über die Schülervertretung
könne man etwas in der Schule verbessern, zeigte auch keine Wirkung. Wie
konnte man nur so unprofessionell sein? Ich griff ihr unter die Arme: „Wer
in der Gesamtschülervertretung ist, hat mehr Freistunden und dem können die
Lehrer nichts tun.“ Sofort gab es einige Jungs, die sich interessiert zeigten.
|
Dienstag, 14. September 04
Heute hatte ich Klausuraufsicht in der 10a, einer Klasse, in der ich schon
vier Stunden unterrichtet habe. Für einen Praktikanten ist eine Klausuraufsicht
zwar verboten. Aber ich habe Herrn Klusmeier versprochen, dass davon nie
jemand erfährt. Und ich halte mein Wort. Als ich in der Klasse war, wurde
ich erst mal von der Schülerin Babette auf meine Haare angesprochen: „Waren
Sie beim Friseur?“ „Ja.“ „Sie haben ja ganz schöne Geheimratsecken. Sie kriegen
bestimmt bald eine Glatze.“ Ich verkniff mir eine Bemerkung über ihre Brüste
und entgegnete stattdessen: „Ich hab in Wirklichkeit keine Geheimratsecken,
sondern meinem Friseur lediglich gesagt, er solle mir welche schneiden, weil
das zur Zeit bei mir im Friedrichshain total in ist.“ Als Schönebergerin
würde sie das nicht überprüfen können. Während der Klassenarbeit achtete
ich darauf, dass ich niemanden beim Betrügen erwischte. Ich wollte keine
Arbeiten vorzeitig einsammeln müssen. Sonst wären die Betroffenen dann sauer
auf mich. und ich wäre nicht mehr mit allen Schülern der Klasse befreundet.
|
Mittwoch, 15. September 04
Heute klopfte in der dritten Stunde eine Schülerin der 7c ans Lehrerzimmer.
Die Lehrerin sei nicht da und in der Klasse sei die Hölle los. Alle würden
wie Irre durcheinander schreien und einige sich sogar prügeln. Die anwesenden
Lehrer einigten sich sehr schnell auf mich als Aufsichtsperson. Herr Naumann
zu mir: „Ich muss leider die nächste Stunde vorbereiten. Setzen Sie sich
einfach rein und lesen Sie bis zum Ende der Stunde Zeitung. Das reicht in
der Regel, damit sich die Schüler beruhigen.“ Auf dem Weg zur Klasse erklärte
mir die Schülerin noch mal, wie schlimm ihre Mitschüler seien, dass sie das
Schreien total ankotze, ebenso das Prügeln, um sich dann, nachdem sie die
Schwelle zum Klassenraum übertreten hatte, schreiend auf ihre Sitznachbarin
zu stürzen. Es war, als hätte sie eine Lichtschranke übertreten und sei nun
in der Gröl- und Raufsphäre. Ich rechnete ernsthaft damit, mit Betreten des
Raums ebenfalls loszublöken und irgendeinen Jungen zu vermöbeln. Aber ich
war gegen die Atmosphäre offensichtlich resistent. Die Schüler gaben einen
Scheißdreck auf meine Anwesenheit und legten gleich noch mal einige Dezibel
drauf. Aber immerhin, sie attackierten mich nicht persönlich. Vermutlich,
weil ich sie in Ruhe ließ. Ich musste nur ab und an ihren Wurfgeschossen
ausweichen. Zeitungslesen war da natürlich nicht drin.
|
Donnerstag, 16. September 04
Heute hatte ich Pausenaufsicht. Dabei beobachtete ich einen Schüler der oberen
Klassen, wie er ein Snickers-Papier nicht in den dafür vorgesehen Behälter,
sondern auf den Boden schmiss. Ich wollte eigentlich nichts sagen. Er musste
von alleine drauf kommen, dass man mit Mutter Natur so nicht umgehen durfte.
Es nutzte nichts, ihm diese Erkenntnis aufzupfropfen. Aber Frau Gerhardt
wies mich an, den Schüler aufzufordern, das Papier aufzuheben und in den
Mülleimer zu werfen. Mir war das sehr unangenehm, so einfach den Lehrer raushängen
zu lassen. So was war doch voll uncool. Er sollte auch nicht denken, ich
sei ein Spießer. Bevor ich zu ihm ging, zog ich noch mal mein T-Shirt aus
der Hose und schob mir einen Kaugummi in den Mund. Dann schlenderte ich betont
wippend zu ihm: „Ey, hey man, ey dit wäre escht krass ey, man, wennde dit
voll fette Papier, voll geil inde Mülleimer rintrowst.“ Seine Reaktion entsprach
nicht ganz meinen Erwartungen: „Wat willst’n Du, Du kleener Spinner? Biste
überhaupt schon aufm Gymnasium oda wat?“ Als sich Frau Gerhardt, die noch
kleiner ist als ich war, dann zu uns gesellte, hat der Schüler sofort gehorcht.
Sogar freundlich war er zu ihr. Irgendwas muss sie haben, was ich nicht hab.
|
Freitag, 17. September 04
Heute, an meinem letzten Tag, sind bestimmt so um die 150 Schüler ans Lehrerzimmer
gekommen, um sich bei mir zu verabschieden und mir mitzuteilen, dass ich
irgendwann mal der beste Lehrer werde, den sie jemals hatten. Besonders den
hohen Mädchenanteil habe ich erfreut zur Kenntnis genommen. Mit allen hübschen
Mädchen der Schüler habe ich mir auf ihren Wunsch hin die Telefonnummer ausgetauscht,
um eventuelle Verständnisfragen zu meinen Stunde noch mal in Ruhe zu klären.
Auch der Direktor, Herr Lückemann, hat mir versichert, dass ich der beste
Praktikant bin, der jemals an dieser Schule war. Die Lehrerschaft konnte
nur neidvoll beipflichten. Es wurde mir sogar schon versprochen, dass ich
hier an der Schule auf jeden Fall eine Anstellung fände, egal ob ich mein
Staatsexamen bestände oder nicht. Für mich würde man auch auf jeden Fall
das Schulgesetz dahingehend ändern, dass Lehrer auch mit ihren Schülerinnen
eine Beziehung eingehen dürften. Schließlich seien sie bei mir in guten Händen.
|
Ende
|
|
|