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Lolita
(Die Geständnisse des Lehramtspraktikanten Stephan Z.)
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Moi ... Lolita
Moi je m'appelle Lolita
Collégienne aux bas
Bleus de méthylène
Moi je m'appelle Lolita
Coléreuse et pas
Mi-coton, mi-laine
Motus et bouche qui n'dis pas
À maman que je suis un phénomène
Je m'appelle Lolita
Lo de vie, lo aux amours diluviennes
(Alizee)
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Montag, 21 August 04
Miriam aus der 8a ist in mich verliebt. Und das Schöne ist: ich liebe sie
auch. Am Freitag habe ich das erste Mal in ihrer Klasse hospitiert und heute,
in der zweiten Stunde, hat es zwischen uns gefunkt. Gegenüber meiner Freundin
Josepha hat sie den Vorteil, erst 14 zu sein. Während Josephas Körper bereits
auf dem Rückzug ist, gibt es bei Miriams Topographie noch Entwicklungspotential.
Vielleicht sieht sie sogar mal so gut aus, dass man gar nicht mehr auf ihren
Charakter achten muss.
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Dienstag, 24. August 04
Heute konnte ich mich nicht mit Miriam beschäftigen. Ich hatte andere Sorgen:
meine erste Stunde. Französisch in der 8b. 12:45-13.30. Ich war ziemlich
aufgeregt. Meine Eltern, meine Schwester und meine Großeltern wussten das.
Darum hatten sie sich auch alle extra freigenommen, um mich zum Unterrichtsraum
zu bringen und mir viel Glück zu wünschen, ohne mich vorher um Erlaubnis
zu fragen. Sie kamen sogar mit rein, und als es klingelte, wurde ich von
ihnen zu meiner Bestürzung noch mal richtig geknuddelt und erhielt einen
Lolli. Danach hielt meine Mutter noch eine kurze Ansprache an die Schüler:
„Seid nett zu meinem Stephan! Es ist heute sein erstes Mal.“ Die Klasse,
die ich bisher beim Hospitieren als ausgesprochen brav erlebt hatte, war
auf einmal wie ausgewechselt, und ich bekam sie überhaupt nicht in den Griff,
obwohl ich ihnen sehr überzeugend darlegte, dass es in meinem Alter vollkommen
normal sei, von seinen Verwandten zur Arbeit gebracht zu werden.
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Mittwoch, 25. August 04
Miriam hat mit mir Schluss gemacht. Ihre Begründung: sie liebe mich nicht
mehr wie zu Beginn unserer Beziehung. Außerdem sei sie jetzt mit Selim aus
der 10c zusammen. Nachdem ich rausbekommen habe, wer Selim ist, entscheide
ich mich, ihn doch nicht zu vermöbeln. Miriam war ohnehin nur ein Abenteuer
für mich. Ganz hübsch zwar, aber total langweilig. Auf jeden Fall nichts
Ernstes. Ich muss jetzt nur noch Josepha davon überzeugen, dass ich wieder
bei ihr einziehen darf.
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Donnerstag, 26. August 04
Heute hatte ich meine zweite Stunde. PW Grundkurs 12 Klasse. Ich war etwas
weniger aufgeregt, auch weil ich meiner Familie Ort und Zeit der Stunde verschwiegen
hatte. Darüber hinaus hatte ich die 45 Minuten gut durchstrukturiert. Es
ging um Parteien in der Weimarer Republik Für die Fragen Karteikärtchen hatte
ich mir Karteikärtchen angefertigt und das Vortragen extra noch zu Hause
geprobt: „Cem. Die SPD. War das in der Weimarer Republik eine Partei oder
nicht?“ „Eine Partei!“ „Richtig!“ „Und Suad. Das Zentrum. War das in der
Weimarer Republik eine Partei oder nicht?“ „Das war eine Partei!“ „Auch richtig.“
Nachdem ich den fünften Schüler des Kurses darauf getestet hatte, ob er wisse,
ob die Deutschnationale Volkspartei eine Partei sei, hielt es Herr Kracht,
der Leiter des Kurses, für nötig, sich einzumischen. „Herr Zeisig! Sie sollten
die Schüler auch nicht unterfordern. Wir befinden uns in die zwölften Klasse.“
„Ja, ich weiß. Das waren nur die einfach Fragen zum Aufwärmen. Viktoria!
Welche der folgenden vier Funktionen ist keine klassische Parteifunktion:
a) die Personalrekrutierungsfunktion, b) die Programmfunktion, c) die Interessenartikulationsfunktion
oder d) die Straßenkampffunktion. ... na Viktoria ... du kannst auch jemanden
anrufen oder den Fifty-Fifty-Joker nehmen.“ An dieser Stelle brach Herr Kracht
die Stunde ab. Dabei fühlte ich gerade, wie ich immer besser in Fahrt kam.
Ich war ziemlich sauer auf meinen Mentor. Meine ersten Versuche so schnell
abzuwürgen. Nur mit der Begründung, mein Konzept, das ich vorher der Überraschung
wegen vor ihm geheim gehalten hatte, müsse noch mal grundlegend überarbeitet
werden. Wie soll man da eine eigenständige und selbstbewusste Lehrerpersönlichkeit
entwickeln können, wenn man von Anbeginn bevormundet wird?
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Freitag, 27. August 04
Die Hierarchie innerhalb des Lehrerkollegiums äußert sich an vielen Stellen,
auf sehr subtile Weise zum Beispiel auch auf der Photowand im Lehrerzimmer.
Ganz oben hängt das Photo des Direktors. Dieses wird eingerahmt von seinen
beiden Stellvertretern. Dann folgen nach und nach die verschiedenen Fachbereiche.
Direkt unter dem Direktorium die Kollegen, die bilingual Französisch unterrichten,
woran man merkt, dass man an einer Schule mit bilingualem Zweig ist. Im Mittelbereich
befinden sich die normalen Lehrer und ganz unten, neben dem Hausmeister,
die mit der Fächerkombination Sport/Erdkunde. Für die Referendare ist selbstverständlich
kein Platz mehr. Deren Bilder liegen in einem Pappkarton und möchte man sie
anschauen, muss man sich auf einer Liste eintragen. Ich war bisher der Einzige,
der das getan hat, aus Mitleid, damit die Referendare nicht das Gefühl bekommen,
niemand würde sich für ihre Photos interessieren. Meins kam nicht mal in
den Karton. Dabei hatte ich an mehreren Tagen extra mein schönstes mitgebracht
und mehrere Lehrer angesprochen: „Hier! Schauen Sie mal. Von mir gibt es
auch ein Photo!“ Ich hatte allerdings nicht das Gefühl, sie würden sich sonderlich
dafür interessieren. Denn ich bekam es jedes Mal schon vor dem Ende der zweiten
großen Hofpause zurück. Darum bin ich heute noch so lange im Lehrerzimmer
geblieben, bis alle anderen gegangen waren. Dann habe ich die Photos an der
Wand um- und meins dazugehängt. Ich bin jetzt die rechte Hand des Direktors.
Das wirkt natürlich schon ein bisschen ungewohnt, weil mich das Photo bei
meiner Einschulung mit einer Zuckertüte zeigt, das einzige in meinem Leben,
wo ich meiner wahren Schönheit entsprechend getroffen bin. Danach hatte ich
es nur noch mit Pfuscher-Photographen zu tun. Aber immerhin hat das Photo
etwas mit Schule zu tun.
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4.Teil: Schulmädchenreport
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