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Die schönsten Schriftsteller Berlins erzählen was

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Schulmädchenreport
Ferdinand Hodler: Der Tag
Montag, 30. August 04

Heute hatte die komplette Schule Wandertag, und es fand somit kein Unterricht statt. Ursprünglich hatte ich mich einer Klasse anschließen wollen. Aber in keiner kam ich mit meinem Vorschlag durch. Vermutlich weil ich nicht, um mich beim Lehrer einzuschleimen, das Kupferstichkabinett ins Spiel brachte, wie ich es ursprünglich in Erwägung gezogen hatte. Die Meinung der Schüler war mir wichtiger. Darum trat ich lieber für das Strandbad Köpenick ein, auch als sich schon abzeichnete, dass es in Strömen gießen würde. Die Schüler störten sich ebenfalls nicht am Wetter und nahmen meine Anregung euphorisch auf, besonders in den Klassen, in denen die Lehrer das Kupferstichkabinett anboten. Ich war mir der Mehrheit gewiss und freute mich schon, die verschiedenen Girls, in die ich gerade verliebt war, endlich mal im Bikini zu sehen. So weit, auf das Angebot an FKK-Stränden aufmerksam zu machen, reichte mein Schneid dann doch nicht. Einschließlich meiner gab es in jeder Klasse nur eine Gegenstimme zu meinem Antrag, die der Lehrer. Da nur sie über die meiste Lebenserfahrung verfügten, erkannten allein sie, dass es für die kognitiv-moralische Entwicklung der Schüler notwendig war, wenn diese ihre Bedürfnisse weiterhin zurückstellten und sich zunächst bildungsbürgerliche Habitusformen aneignen. Ich bemühte mich um einen Kompromiss: „Wir können es ja so machen, Herr Rauter. Sie gehen mit den Jungen ins Kupferstichkabinett und ich mit den hübschen Mädchen, äh den Mädchen insgesamt in die Sauna.“ „In die Sauna?“ „Äh, Freibad meine ich. Und am Dienstag tauschen dann beide Gruppen ihre Erfahrungen aus, um zu ermitteln, welche Erfahrung mehr gebracht hat.“ Doch auch hier stieß ich auf Beton. Vielleicht hat ich mein Angebot zu holprig vorgetragen.
Dienstag, 31. August 04

Heute hatte ich ein klärendes Gespräch mit meinem Tutor. Es ging nicht um die beiden Stunden, die ich bisher versaut hatte. Nein. Vielmehr war bemerkt worden, dass ich die Photowand manipuliert, ich würde sagen perfektioniert hatte. Aber für diesen Blickwinkel konnte ich meinen Tutor nicht erwärmen, der vom Direktor beauftragt worden war, mit mir ins Gericht zu gehen. Außerdem hatten sich andere Lehrer bei ihm über mein starkes Interesse für diverse Schülerinnen beschwert. Das hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Er hielt mir scheinheilig eine moralische Standpauke – von wegen unanständig, verboten, pädophil, strafbar usf. – und ließ mich nicht zu Wort kommen, wohl weil er fürchtete, meinen Argumenten nichts entgegensetzen zu können. Die Altersdifferenz zwischen Joschka Fischer und seiner aktuellen Wohnungshüterin ist viel größer als sie es zwischen mir und Schülerinnen selbst der Fünften je sein könnte. Es ist doch besser, man geht gerne in die Schule, weil es dort jemanden oder mehrere gibt, die man mag, als sich jeden Morgen quälen zu müssen. Man muss sich auch weiterhin dafür interessieren, was die Jugend so bewegt. Und das kann man nicht, wenn die Beziehung immer nur an der Oberfläche bleibt. Es hat nichts mit dem Missbrauch seiner Rolle als Lehrer zu tun, wenn man die Mädchen vorher fragt, ob sie auch einverstanden ist. Ich musste meinem Tutor schwören, mich fortan zurückzuhalten. Andernfalls müsse mein Praktikum vorzeitig beendet werden.
Mittwoch, 1. September 04

Heute hatte ich eine Stunde Französisch. Ich habe beim Sprechen und beim Schreiben vor Aufregung dauernd Fehler gemacht, was nicht weiter schlimm ist, da an jeder normalen Schule die Schüler die Fehler nicht bemerken und erst im Abi vom Zweitkorrektor darauf aufmerksam gemacht werden. Allerdings bin ich nicht an einer normalen Schule sondern einer mit bilingualem Zug, weshalb meine Fehler von der Klasse beanstandet wurden. Ich wies die Hinweise aber kontinuierlich mit der Begründung zurück, ich sei hier der Lehrer und somit befände ich über richtig oder falsch. Am Ende der Stunde kam ich ihnen dann aber doch entgegen. Ich teilte ihnen eine selbstverfasste Übersicht zu den französischen Zeiten der Vergangenheit aus und gab ihnen zur Hausaufgabe auf, rauszukriegen, wie viele Fehler sich im Text versteckten. Der, der mir nächste Stunde die richtige Lösung bieten würde, bekäme eine eins.
Donnerstag, 2. September 04

Jeder Lehrer sollte sich davor hüten, witzig sein zu wollen. Nichts ist peinlicher als eine klar als Scherz zu identifizierende Bemerkung des Lehrers, über den die Schüler aber überhaupt nicht lachen können. In diesem Fall bleibt einem nur, die Schule schnellstmöglich zu verlassen und sich erst wieder dort blicken zu lassen, wenn auch die jüngeren Geschwister der Schüler dieser Klasse ihr Abi längst in der Tasche haben. Aus eben diesem Grund blieb mir heute nichts anderes übrig, als mein Praktikum vorzeitig abzubrechen, wobei ich drauf hinweisen muss, dass die Schuld nicht bei mir zu suchen ist. Der Scherz war wirklich perfekt. Nur hatten die Schüler nicht das intellektuelle Niveau, dies auch zu realisieren und entsprechend zu würdigen. Aber ich bin ja schon oft am gemeinen Volk gescheitert.
Freitag, 3. September 04

Ich habe mein Praktikum wieder aufgenommen. Der Direktor wollte meine Begründung für den Abbruch – ich hätte vor der Klasse einen Witz erzählt und die Schüler nicht darüber gelacht - nicht akzeptieren. Mir fällt kein Grund ein, der einen Abbruch mehr rechtfertigen würde. Aber da treffen wohl zwei Generationen aufeinander. Als der Direktor jung war, da spielte Humor noch keine Rolle. Der Lehrer hatte seinen Rohrstock und die Schüler spurten. Heutzutage hingegen, da stimmen die Schüler erst mal darüber ab, ob sie einen Lehrer überhaupt mögen, bevor dieser unterrichten darf. Und ein gescheiterter Witz ist eigentlich schon fast das Todesurteil. Aber immerhin wurde mir zugesichert, die Klassen, in denen ich Stunden geben würde, wechseln zu dürfen.
Teil 5: Unser Lehrer Dr. Specht Zeisig