20.-26.9.05
Vorwort, in dem Stephan die wahren Gründe für seine
Emigration offenbart
27.9.-3.10.05
1. Kapitel, in dem Stephan bei der Wohnungs- suche einige
gravierende Fehler begeht.
4.10.-10.10.05
2. Kapitel, in dem Stephan die Fehler der vorherigen Woche
auszumerzen versucht und dabei auf interessante Ausländerinnen
trifft.
11.10.-17.10.05
3. Kapitel, in dem Stephan die Deutschen- Freundlichkeit
der Franzmänner lobt.
18.10.-31.10.05
4. Kapitel, in dem Stephan sich vergeblich bemüht, seine
Berührungs- Ängste vor Gothik-Musik und netten Frauen zu
überwinden.
1.-7.11.05
5. Kapitel, in dem Stephan von seinem Versagen berichtet
und Besserung und Ehrlichkeit gelobt.
8.-14.11.05
6.Kapitel, in dem Stephan Bloc Party interviewt.
15.-21.11.05 7.Kapitel,
in dem Stephan als Tramp ziellos durch Lille streift und dabei einen Deutschen
belauscht, der gerade mit seiner eifersüchtigen Freundin telefoniert.
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Achtes Kapitel: 22. November – 28. NovemberLetztens
kam ich in die Verlegenheit, mir für meine amerikanische Mitbewohnerin Michelle
ein paar tröstende Worte einfallen lassen zu müssen. Eigentlich meide ich
jeden Kontakt zu den anderen Assistenten, insbesondere denen, die mit mir
zusammenleben. Allerdings bat mich Benoît, für ihn, da er einen Freund erwartete,
von oben die Besuchermatratze runterzuholen, die sich in Franciscos Zimmer
befand. Francisco und seine Cousine Rebecca traf ich selbstverständlich nicht
an. Aber immerhin hatten sie Michelle dagelassen, damit jemand auf die Wohnung
aufpasste. Michelle ist für diese Rolle geradezu prädestiniert, da sie ohnehin
nie etwas zu tun hat, geschweige denn sogar Verabredungen. Ich wollte sie
eigentlich nur bitten, den anderen auszurichten, dass man bei uns die Matratze
benötige und dann sofort wieder verschwinden. Leider beging ich den Fehler,
sie beim Formulieren der Nachricht anzuschauen (Ich wünschte, ich hätte das
damals gegenüber dem Direktor getan. Dann wäre ich nicht aus dem Lycée Fénelon
geflogen). Über ihre Wangen liefen Tränen. Was tun? Ich rückte zunächst meine
Brille zurecht. Vielleicht wären die Tränen dann verschwunden. Natürlich
nicht. Warum auch? Wenn jemand von einer unangenehmen Situation in die nächste
taumelte, so eindeutig ich. Ich zog das Pech geradezu an.
„Äh, ça va?“ Wenn sie die Gepflogenheiten hierzulande schon halbwegs verinnerlicht
hatte, würde sie mit „Oui, ça va“ antworten und ich könnte mich ohne erzwungenen
état d’âme aus der Konfrontation mit ihr verabschieden.
„Non, ça va pas.“ (Sämtliche Äußerungen von Michelle wurden vom Autor einer
Rechtschreib-, Grammatik-, Syntax- sowie Stilkorrektur unterzogen.)
„C’est dommage“, meinte ich wohl eher zu mir selbst. Gleichwohl würde ich
nicht um eine Reaktion umhinkommen, wollte ich meinen Ruf als mitfühlender
Mensch nicht verspielen. Nicht dass ich auf Rufe etwas gab. Aber ich wollte
schon die Zügel in der Hand behalten.
„Äh … qu’est-ce qu’il y a?“
„Mes élèves. Ils ne font rien.“
„Oh … et …“
„Ils n’ont pas fait leur devoir.“
„C’est comme ça. Moi, pour éviter une telle situation, je ne donne pas des devoirs.“
„Ils parlent tout le temps.“
„Ce n’est pas grave. Cela fait partie de l’adolescence.“
„Ils m’ont dit des propos antiaméricains.“
„C’est parce que tu es Américaine.“
„Mais ce qu’ils disent n’est pas juste.“ Was war schon juste? Von Schülern
konnte man nun wahrlich keine justesse oder justice erwarten. Sie hing doch
sehr naiven Vorstellungen nach. Nicht nur dass sie erwartete, die Schüler
würden ihre Hausaufgaben machen und im Unterricht aufmerksam sein. Sie sollten
überdies sogar gerecht sein gegenüber einem Land, so groß wie Deutschland
und Frankreich zusammen und dann noch viel Mal größer. Das schaffe ja noch
nicht mal ich. Und ich habe nun wirklich schon ein sehr differenziertes Bild.
Bush und Michael Moore, Coca Cola und Pepsi, Britney und Christina, Em und
Ja, Eastcoast und Westcoast, Homo und Hetero, Big Apple und City of Angels,
Indianer und Cowboy, Zigaretten und Lungenkrebs, Hollywood und Lions Gate,
Bill Gates und Steve Jobs, Royal TS und Big Mac, Treibhausgase und Ralph
Nader, Liberty und patriot act, Terrorismus oder nicht, Krieg und Peace,
Nature und Ölbohrungen, Soccer und Football, Weapons und Todesstrafe, Philip
Roth und Eathan Hawke, Jim Carrey und Tom Cruise, Pamela und Barbara Streisand.
So viel geht einfach nicht auf einmal in einen Kopf rein.
„Profite-en! Tu as la chance de discuter sur cette américanophobie en classe.
C’est bien ça ! Tu ne dois même plus trouver des sujets pour tes cours, parce
que les élèves te les donnent déja. Moi, par contre, j’essaie de provoquer
toujours mes mes élèves par des propos racistes, mais ils ne réagissent même
pas.“
Ich hatte ihre Lage gleichwohl etwas beschönigt. Die ihr entgegengebrachte
Amerikafeindlichkeit wunderte mich nicht, entsprach Michelle doch in so ziemlich
allen erkennbaren Attributen dem klassischen amerikanischen Hinterwäldler,
dem Bush seine beiden Wahlsiege zu verdanken hat: wohnhaft in einer kleineren
Stadt in Michigan, mit 21 Jahren bereits verlobt, vorher noch nie im Ausland
gewesen, Berufswunsch Pastorin und etwa in der Gewichtsklasse von Michael
Moore, dabei ohne Zweifel jedes Pfund selbst erarbeitet. Wäre ich ehrlich
gewesen, hätte ich ihr zu verstehen gegeben, dass sie, wolle sie in Zukunft
weiteren Ärger vermeiden, sich zunächst etwas Vernünftiges anziehen müsse.
Und es doch bitte unterlassen möge, den Rückweg von der Schwimmhalle mit
Badekappe und Schwimmbrille auf dem Kopf in Angriff zu nehmen. Lille sei
schließlich zu klein, um ausschließen zu können, dass einem kein Schüler
über den Weg laufe. Doch wie so oft, wenn mein Gegenüber eine zwar schmerzende,
aber doch auch reinigende klare Meinung gebraucht hätte, kniff ich und zog
es vor, den anderen zu schonen, auch wenn ihm dies langfristig eher schadete.
Dann wurde mir meine Gutmütigkeit zum Verhängnis. Mein verbaler Trost genügte
Michelle nicht. Sie bat mich doch tatsächlich, sie für einen Moment in den
Arm zu nehmen. Bei Élise hatte ich ja damals noch nein gesagt. Gegenüber
Michelle brachte ich es nicht übers Herz. Zu traurig blickte sie mich an
und so gestattete ich ihr, ihren Adipositaskörper an mich zu drücken. An
dieser Stelle möchte ich gerne meine Ausführung beenden. So sehr schäme ich
mich für das, was danach geschah. Zu sehr widerspricht dies meinen eigenen
Prinzipien. Auch aus Mitleid soll man sich nicht zu Dingen hinreißen lassen,
die man sonst nicht tun würde.
Version française
Huitième chapitre: 22 novembre – 28 novembre
Je suis très heureux de pouvoir confirmer mon nouvel engagement pour Libération.
Récemment, il y a eu un concours, dont j’avais déjà parlé il y a quelques
semaines, auquel pouvaient participer tous les assistants de langue étrangère
et étudiants Erasmus, passant en ce moment une année en France. On devait
envoyer un réportage sur un événement révélateur de sa vie quotidienne ici
en tant qu’étranger. En français, bien entendu. Le vainqueur obtiendrait
la possibilité de publier dans le quotidien parisien une rubrique journalière
dans laquelle il décrirait ses expériences en France depuis son arrivée pour
enfin en faire un roman, édité chez Gallimard fin 2006. Ce serait en vue
de contrer L’auberge espagnole de Cédric Klapisch. Avec le réalisateur, Libération
entretient une relation embrouillée voire violente, depuis que ce premier
n’a pas digéré la mauvaise critique qu’a reçu son film dans les colonnes
du journal. Lors de la sortie L’auberge, Antoine de Baecque, rédacteur responsable
de la rubrique cinéma avait reproché à Klapisch de caricaturer les différents
membres de la colocation à un tel point qu’ils deviennent des simples clichés
de leur pays d’origine. En plus, Clément avait sévèrement fustigé cette idéalisation
de l’année Erasmus, qui d’après Klapisch n’est constituée que de larges fêtes
et d’aventures amoureuses, quoique, en vérité, un étudiant Erasmus a cartonné
s’il peut citer à la fin de son séjour deux autochtones qui ne lui ont pas
régulièrement posé un lapin. Ce démontage de son oeuvre a amené Klapisch
à déclarer ouvertement dans Le Figaro ne plus vouloir lire Libé, pourtant
son journal de prédilection, jusqu’au jour où celle-ci se soumettrait à une
autocritique et abjurait ses propos hérétiques. Il va de soi, que Libé n’a
pas accepté ce chantage. Au contraire. Après des longues années de réflexions
elle a ainsi décidé de riposter en publiant lui même une contre-Auberge,
un autre témoignage, qui corrige ce gâchis perpétré par Klapi. Que j’ai finalement
remporté ce concours (et de loin, comme je peux souligner sans fausse modestie),
me rends particulièrement heureux, car j’ai encore un compte à régler avec
Cédric. Je pense, qu’on m’a choisi pour mon esprit perspicace et ma capacité
de m’abstraire entièrement de ce que j’ai vécu pour donner une description
vraie et des jugements neutres. En outre, on vénère ma plume acérée et drôle.
Alors, je vais déménager jeudi à Paris, où la rédaction me met à disposition
un petit appartement au IX arrondissement afin que je puisse mieux me concentrer
sur mon travail.
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