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Das Erasmus-Tagebuch des Stephan Zeisig
1.Woche (24.09.-31.09.2001)
In der Stephan am Flughafen weint und sein Fruehstueck variiert, indem
er zuerst das Schoko-Croissant ißt und danach erst das normale Croissant.
2.Woche (1.10.-7.10.2001)
In der Stephan außer dem Wort Putain nichts lernt.
3.Woche (8.10.-14.10.2001)
In der Stephan die Stimmung mit dem Horst-Wessel-Lied
nicht auflockert.
4.Woche (15.10-21.10.01)
In der Hildesheim, Regensburg, Bremen und Göttingen nicht
gut wegkommen.
5.Woche (22.10-28.10.01)
In der Stephan in der Disko niemanden kennenlernt.
6.Woche (29.10.-04.11.2001)
In der das lyrische Ich in der Amstel Bar el Señor die
Zeitung liest.
7.Woche (5.11.-11.11.2001)
In der ein Motorroller um das Wohnheim fährt, ohne wen zu
beeindrucken.
8.Woche (12.11.
-18.11.2001)
In der Stephan in Pau gegen die Globalisierung
demonstriert.
Woche
9-14 | Woche 15-20 | Woche
21-28
Erste Woche
| Montag (24.9)
Den Abschied am Flughafen Tegel meister ich gekonnt
souveraen. Zwar muss ich im Beisein meines Vaters, meiner Schwester und
meiner Ex weinen. Nein, ich bin nicht traurig. Sie ist schuld!, krame ich
eine Zwiebel aus meinem Rucksack. Die habe ich mir noch vorhin bei meinem
russischen Gemuesehaendler gekauft. Ich bin ueberzeugt, dass mir das alle
geglaubt haben. Mein Gepaeck ist schwer. Ich argumentiere noch: Ja, aber
ich bin doch leicht, da kann ich doch ruhig etwas mehr mitnehmen. Es hilft
alles nichts. Air France bleibt stur, was mal wieder beweist, wie
rassistisch die Franzosen sind und wie unreif fuer den Euro. Ich werde
mich dafuer stark machen, sie aus der EU zu verweisen. Im Gegenzug raeche
ich mich, indem ich mir alle Zeitungen einstecke, die im Wartebereich
ausliegen, obwohl ich weiss, dass ich sie nie und nimmer werde alle lesen
koennen. Die Retourkutsche der Franzosen erwartet mich in Pau. Mein eines
Gepaeckstueck, der Rucksack ist noch nicht da. Wie er denn aussehe, wollen
sie wissen: Bonne question! Gute Frage! Weiss ich gar nicht. Ich hab noch
gar nicht drauf geachtet. Jedenfalls war er neu und in einem Plastiksack,
zum Schutz. Dans un sac plastique, pour le protéger. Ich bekomme
jedenfalls erst mal eine Waschtasche von Air France, damit ich, bis er
eintrifft, nicht anfange, schlecht zu riechen. Abgesehen davon ging alles
reibungslos. Dem franzoesischen Sicherheitspersonal ist es nicht
aufgefallen, dass ich mich als Osama Bin Laden verkleidet haben, aber
vielleicht wussten sie auch, dass er zur Zeit im Prenzlauer Berg am
Kollwitzplatz wohnt. Auch dass meine orthopaedischen Schuhe den
Metalldetektor dazu brachten, eine wahre Operette zu spielen. Sie dachten
sich wohl, in Deutschland sind in orthopaedischen Schuhen automatisch
Bomben eingebaut. Das Sudentenwohnheim noetigte mir ein Schrei des
Entsetzens ab. Ich weiss nicht, ob ich es ueberleben werde und ob die
Toiletten erst wieder in einer Woche gereinigt werden, ich werde
jedenfalls um mein Leben kaempfen. |
| Dienstag (25.9)
Heute ist jour d'accueil, Begruessungstag. Viele
sprechen Englisch, spanisch hoert man auch und bedauerlicherweise auch
Deutsch. Nach den Erlaeuterungen ist man, wie erwartet nicht klueger als
vorher, ausser ich. Jeder kommt in eine Gruppe, fuer die franzoesische
Studentinnen abgestellt wurden. Die sollen uns bei der Orientierung
helfen. Ferner sollen sie uns die tollen Ecken in Pau zeigen. Nach meinem
Eindruck kann letzteres nicht sehr lange dauern. Immerhin sieht meiner
Studentin verhaeltnismaessig gut aus, spricht dafuer aber noch schneller
als Regine Hildebrand. Die englischsprechenden Studenten (Briten und Iren)
sind die Doofsten. Die bekommen einen Tutor in ihrer Sprache. Ich glaube,
sie haben ohnehin beschlossen, unter sich zu bleiben. Gegen mich scheint
eine Verschwoerung im Gange. Meine Gruppe sucht das Weite, als ich mich
mal kurz verabzschiede, um mich mit dem anderen Kommilitonen aus Potsdam
und einer weiteren Deutschen zu treffen. Sie erscheinen auch nicht. Bei
LeClerck treffe ich ein paar Irinnen, die mir versprechen, auf mich zu
warten, bis ich etwas eingekauft habe. Natuerlich sind sie dann nicht mahr
da. Offensichtlich nehmen sie mir uebel, dass ich am Vortrag die Vermutung
aufstellte, sei seien U2 Fans. That's a stereotype., erwiderten sie: All
Germans like techno! Was ist wohl schlimmer. Na ja, sie waren eh
haesslich.
Wetter: 22° und Sonne, den Palmen geht es gut.
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| Mittwoch (26.9)
Aufstehen, zum Baecker gehen, ein Croissant und ein
Schoko-Croissant kaufen, dann Le Figaro. Auf dem Weg zum Campus erst das
Croissant dann das Schoko-Croissant essen. Ein bisschen surfen und mailen.
Dann in der Mensa essen (Gericht 1). Anschliessend hilflos und nach einem
Ziel suchend in der Uni umherirrend. Mehrer vermeintliche Ansprechpartner
belaestigen. Nichts rauskrigen, ausser dass alles noch eine Weile dauert.
Fuer die Inscription (Immatrikulation) muss man sich hier Wochen vorher
anmelden. Dann geht's wieder zu LeClerk. Anschliessend ruhe ich mich im
Studentenwohheim aus. Abends verlaufe ich mich noch ein wenig in Pau (die
franzoesischen Himmelsrichtungen sind inkompatibel mit den deutschen).
Komme nicht dazu Le Figaro zu lesen.
Wetter: 23° und Sonne, den Palmen geht es gut.
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| Donnerstag (26.9)
Aufstehen, zum Baecker gehen, ein Croissant und ein
Schoko-Croissant kaufen, dann Le Figaro. Auf dem Weg zum Campus erst das
Croissant dann das Schoko-Croissant essen. Ein bisschen surfen und mailen.
Dann in der Mensa essen (Gericht 1). Anschliessend hilflos und nach einem
Ziel suchend in der Uni umherirrend. Mehrer vermeintliche Ansprechpartner
belaestigen. Nichts rauskriegen, ausser dass alles noch eine Weile dauert.
Fuer die Inscription (Immatrikulation) muss man sich hier Wochen vorher
anmelden. Dann geht's wieder zu LeClerk. Anschliessend ruhe ich mich im
Studentenwohheim aus. Abends verlaufe ich mich noch ein wenig in Pau (die
franzoesischen Himmelsrichtungen sind inkompatibel mit den deutschen).
Komme nicht dazu, Le Figaro zu lesen.
Wetter: 24° und Sonne, den Palmen geht es gut. |
| Freitag (27.9)
Genauso wie am 25. und 26.9.
Wetter: 25° und Sonne, den Palmen geht es gut. Setze meine coole
Sonnenbrille auf. |
| Sonnabend (28.9)
Genauso wie die drei Tage davor. Ausser: Variiere
mein Fruehstueck, indem ich zuerst das Schoko-Croissant esse und danach
das normale Croissant. Stelle fest, dass es heute in der Uni keine
Ansprechpartner gibt, die mir keine Fragen beantworten koennen. Es gibt,
da Wochenende, ueberhaupt keine Ansprechpartner.
Am Abend treffen Florian, ein anderer Student aus Potsdam, mit dem ich die
ganze Zeit rumhaenge, und ich ein paar andere Erasmusstudenten.
Belanglosigkeiten werden ausgetauscht, einige versuchen sich in
Imponiergehabe. Ich klinke mich schnell aus und verabschiede mich mit der
Bemerkung, ich wolle noch ins Kino. Die anderen hoeren nicht mal hin. Ich
nehme mir vor, mir am Sonntag was fuer die naechste Woche vorzunhmen.
Jan Ullrich hat heute sein erstes internationales Rennen gewonnen,
ein Lichtblick.
Wetter: 26° und Sonne, wie es den Palmen, wage ich nicht einzuschaetzen,
vielleicht besser als meinem Gemuet. Denke daran, mein T-Shirt
auszuziehen. |
| Sonntag (29.9)
Nehme mir, Florian nimmt sich auch das gleiche, vor,
also zusammen nehmen wir uns was fuer die naechste Woche vor: Ein parr
Worte Franzoesisch zu sprechen, durchzublicken, die franzoesischen
Himmelsrichtungen zu lernen und mal was zu machen. Ausserdem
Werden wir uns vielleicht mal mit den Arabern aus dem Studentenwohnheim
anfreunden. Ich glaube, die moegen uns: sie haben uns gefragt, ob wir
schwul sind und der eine ruft uns immer Heil Hitler hinterher. Bei vielen
Araber geniesst Hitler ja eine relativ hohe Reputation.
Wetter (30.9): 27° und Sonne. Zeige mich zum ersten Mal mi freiem
Oberkoerper. Der erwartete Eklat bleibt aus. Frankreich ist halt doch
nicht ein so katholisches Land. |
Zweite Woche
| Diese Woche war sehr lehrreich fuer mich
in vielerlei Hinsicht : gelernt habe ich naemlich eigentlich nichts, vor
allem kein Franzoesisch, ausser daß putain ein sehr populaeres
franzoesisches Schimpfwort ist. Ja im Grunde genommen macht putain alle
anderen franzoesischen Schimpfwoerter ueberfluessig, die deshalb
auch von Chirac abgeschafft wurden. Am Montag habe ich mir naemlich einen
franzoesisch-britisch-bosnischen Film zum Thema Bosnienkrieg angesehen (No
Man's Land). Weite Teile des Films sprechen die Darsteller Balkanisch,
manchmal auch Englisch. Ich habe genau drauf geachtet : waehrend in den
englischsprachigen Passagen fein zwischen this fucking bastard und
zum Beispiel you fuckin' asshole differenziert wird, und auch die
bosnischen Muslime und die bosnischen Serben sich bemuehen, ein bisschen
Abwechslung in ihre aneinander gerichteten Hasstiraden zu bringen, liest
man im franzoesischen Untertitel durchweg putain. |
| Am naechsten Tag habe ich dann auch
sofort ein paar Typen aus dem Studentenwohnheim angequatscht, welches
uebrigens, ich glaube, das habe ich letzte Woche vergessen, sehr an ein
Internierungslager gemahnt. Ob es denn nicht noch andere Schimpfwoerter
gibt. Natuerlich, beteuerten sie, ohne lange zu ueberlegen. Als ich
dann Beispiele hoeren wollten, ueberlegten sie dafuer um so laenger. Ich
wurde langsam ungeduldig, wollte mich schon abwenden, als sie riefen : «
Un moment. Pute ! ça veut dire Schlampe en allemand. » Dieses Wort
stellte mich nicht wirklich zufrieden. Da machen die Franzosen es sich ja
ziemlich einfach. Bloss 'ne Silbe weglassen uns schon haben
sie einen neuen Begriff. Das waere ungefaehr so, als naehme man Arsch als
Basis fuer das Schimpfwortvokabular und leite daraus alles weitere ab :
Arschi als Bezeichnung fuer die Frau, Arschel fuer jemanden, der ueber
dreissig ist und immer noch bei seiner Mutter wohnt, Ar fuer einen Juppi,
Arschler fuer jemanden, der sehr viel luegt und sehr dumm ist. Ich denke ,
in Deutschland kaeme man damit nicht durch. Schliesslich wollen wir unsere
Sprache nicht unter Wert verkaufen. Aber, was die Franzosen betrifft, so
ist ja seit langem bekannt, dass sie sehr schlampig mit ihrem wichtigsten
Kulturgut umgehen, und ihre Sprache laengst ans Englische verkauft haben.
Wahrscheinlich rechtfertigen rechtfertigen sie ihre Beschraenkung auf
putain mit ihrem Streben nach der perfekten Sprachoekonomie, wenn ihnen
ueberhaupt ein Argumant dafuer einfaellt. |
| Ich habe aber eine Franzoesin
kennengelernt (18. Jahre jung und frisch), die mir versprochen hat, eine
lange Liste mit franzoesischen Schimpfwoertern zusammenzustellen. Sie will
sich mit mir im naechsten Mai treffen. Sie brauche genuegend Zeit zur
Recherche.
Abgesehen davon habe ich eine Moeglichkeit entdeckt, wie man auch hier in
Pau relativ billig (nicht preiswert) einkaufen kann. Nur 300 Meter vom
Studentenwohnheim entfernt gibt es einen Vorposten deutscher Hochkultur :
Lidl. Nun gehoere ich ja gemeinhin zu den vorbildlichen Personen, die in
solchen Billigbuden keine Lebensmittel einkaufen, was ich mit
weltanschaulichen Gruenden legitimiere. Aber im Ausland soll man ruhig zu
seiner Herkunft stehen. Spaetestens mit dem Euro hat dieser Wucher hier in
Frankreich eh sein Ende, dann kaufen die Deutschen alles auf. Ich habe
auch schon eine Erklaerung dafuer, dass Lidl in so einem teuren Umfeld
so billig bleiben kann. Die kaufen einfach die Lebensmittel aus den
franzoesischen supermarchés ein, die ihr Haltbarkeitsdatum ueberschritten
haben und kleben ein neues rauf. Bei Lidl muss halt alles ein wenig
laenger halten. |
Ich moechte mich noch kurz, bevor ich
zum Ende komme, zum Wetter aeussern : dazu sage ich nichts. Nur eine
Bemerkung noch. Nachdem wir am Montag 31° und Sonne hatten, habe ich alle
meine langen Klamotten und auch meine Regenjacke zur Altkleidersammlung
gebracht. Ich nahm mir fest vor, nur mit Unterwaesche ueber den Winter zu
kommen. Ich haette den warnenden Stimmen mehr gehoer schenken sollen. Nur
mit Boxer-Shorts und Unterhemd ist es manchmal unangenehm kuehl, besonders
wenn es geregnet hat und danach bei unter Grad alles festfriert.
Bei der Konstruktion meines Stundenplans bin ich immer noch nicht viel
weiter, obwohl diese Woche schon Kurse liefen. Dass ich ein paar
Uebersetzungskurse (Franzoesisch/Deutsch) steht schon fest. Aber was sonst
: franzoesische Literaturwissenschaft und Sprachwissenschaft, Geschichte,
Portugiesisch (ein Kurs pro Semester) oder Spanisch (ist eigentlich nicht
fuer Anfaenger, koennte mich aber heimlich reinsetzen und so tun, als sei
ich kein Anfaenger, im schlimmsten Fall einfach doof stellen). Oder nur
eins davon. Soll ich mich uebernehmen oder nicht. Ich wuerde mich ueber
Empfehlungen aus Deutschland freuen (s t e p h a n @ e n t h u s i a s t e n . d e).
So, nun noch meine Plaene fuer naechste Woche : siehe letzte Woche. |
| P .S. Eigentlich wollte ich ja ueber die
Giesela aus Bayern schreiben, die sich immer mit mir anfreunden will. Aber
die sitzt gerade am Computer neben mir. Darum muss ich das aufs naechste
Mal verschieben. |
Dritte Woche
| Fuer gewoehnlich spricht ja nur ein
Grund dafuer, ein Jahr im Ausland zu studieren: endlich mal eine Sprache
sprechen, die kein anderer versteht. Zumindest bei mir gab das den
Ausschlag. Ich wollte endlich mal das Gefuehl nachempfinden, das die
Tuerken in meiner Schule hatten, wenn sie ueber die deutschen Mitschueler
und unsere Lehrer laesterten, ohne das Risiko einzugehen, dass sie sich
damit Aerger einbrockten, weil das jemand verstand, der staerker war oder
jemand, der ueber den weiteren Lebensweg verfuegte. |
|
Toll, sagte ich, probier ich das doch gleich im Unterricht aus. Ich zog
kraeftig vom Leder, mokierete mich vor versammeltem Kurs auf Deutsch laut
ueber die Macken der Franzosen im allgemeinen und der aus Pau im
besonderen, machte mich ueber das Aussehen (und die koerperlichen
Behinderungen) der anwesenden franzoesischen Kommilitonen lustig,
philosophierte ueberzeugend ueber die Ueberlegenheit der deutschen Nation
gegenueber der franzoesischen, um das am Ende dann darin gipfeln zu
lassen, dass ich aufstand und das Horst-Wessel-Lied sang, das heisst
nicht das ganze, die letzte Strophe konnte nicht ganz, weshalb ich zur
Internationalen ueberging. Die erste Reaktion verwirrte mich zunaechst -
es herrschte Totenstille. Dann haette ich mir im Nachhinein am liebesten
die Zunge abgebissen, fiel mir doch ein, dass mir einen
denkbar ungeeigneten Kurs ausgesucht hatte : ich befand mich in einem
Hauptstudiumsseminar Germanistik. Das liess darauf schliessen, dass der
Inhalt meiner Reden, nicht an allen unverstanden vorbeigegangen war. Ich
klammerte mich noch daran, dass ich moeglicherweise stark genug berlinert
hatte, um meine Message zu
vercodieren, fragte aber, um sicherzugehen nach : " Euh !
Avez-vous compris? " Der Lehrer nickte, ansonsten Totenstille.
Die Ruhe vor dem Sturm. Ich befand mich nicht gerade in einer
aussichtsreichen Lage. |
| Der Lehrer machte auf mich zwar nicht
den Eindruck staerker zu sein als ich, allerdings war es zufaellig
derjenige, von dem ich meine Credits abzeichnen lassen musste, die ich in
Deutschland vorzuweisen hatte, um nicht mein Erasmusstipendium
zurueckzahlen zu muessen. Die franzoesischen Studenten waren
moeglicherweise auch nicht unbedingt staerker als ich, aber sie waren in
der Ueberzahl, ungefaehr 15 zu 1. Ich brauchte eine Ausrede, wollte ich
mir eine Abreibung ersparen : " Ich wollte Euch nur mal erzaehlen,
was die Deutschen so allgemein ueber Euch denken, aber keine Sorge, ich
unterstuetze diese Meinung nicht, im Gegenteil, ich liebe die Franzosen,
alle ausnahmslos. Und ausserdem ist auch nicht in Deutschland alles in
Butter. " Ich waehlte dann doch nicht diese Ausrede, weil ich mir
nicht sicher war, welche Praeposition vor la beurre ( die Butter)
gehoerte, ob à oder dans. So entschuldigte ich mich stattdessen mit :
"Pardon, j'ai seulement rigolé " (Pardon, ich habe nur
gescherzt.). Die glaubten mir das offensichtlich nicht, ich musste vorher
sehr ueberzeugend argumentiert haben. Bei dem Lehrer machten ich mir
weniger Sorgen, ich wuerde im einfach nur drohen muessen : "Monsieur,
si vouz ne me signifiez mes crédits, je vais vous frapper. Vous pouvez en
être sûr !" (Monsieur, wenn Sie mir nicht die Credits
unterschreiben, werde ich sie schlagen. Da koennen sie sich sicher
sein !). Ich habe ihm das dann auch wirklich gesagt, nachdem die
franzoesischen Studenten mit mir fertig waren. Er meinte, er wolle sich
das noch mal durch den Kopf gehen lassen. Bis dahin habe ich Hausverbot.
Deshalb musste ich mich auch verhuellen, um an den Computerpool gelassen
zu werden. |
| Ich kleidete mich dazu einfach mit einem
afghanischen Tschador, man sieht nur noch meine Augenschlitze. Der Computerpool-Betreuer traut sich auch gar nicht, mich anzusprechen, um zu
ueberpruefen, ob ich auch tatsaechlich Student (eine Studentin) bin, weil
mir ja Kontakt zu fremden Maennern nicht erlaubt ist. Darum sitzen an den
Computern neben mir auch ausschliesslich Frauen. Ach ja, das
Computerkabinett, eine Gechichte fuer sich, die vielleicht naechstes Mal
erzaehlt wird. Ich wurde wieder daran gehindert, aus denselben Gruenden
wie in der letzten Woche, mich ueber Gisela
auszulassen, die Erasmusstudentin aus Regensburg, obwohl sie
wahrscheinlich schon jedem Leser ans Herz gewachsen ist. Aber das hole ich
dann bestimmt auch das naechste Mal nach, falls ich Lust habe. Es gibt
naemlich noch die Sandra, auch aus Regensburg, die noch komischer dialektelt,
ich wuerde dazu nicht mehr Deutsch sagen. Aber vielleicht kommt auch alles
ganz anders und es gibt ein paar Zeilen dazu, wie ich mich bemuehe, die
franzoesische Damenwelt von den Vorzuegen des deutschen Mannes zu
ueberzeugen. Die Erfolgsgarantie, so wurde mir ja vor Reiseantritt
versichert, sei im Stipendium mit inbegriffen. |
Aber Ihr koennt mir eigentlich auch
schreiben, was Ihr wissen wollte, oder besser noch, mir Texte schicken,
die ich dann als mein Tagebuch verwenden kann. So laeuft das ja im
Wissenschaftsbetrieb zwischen Professor und seinen Doktoranden auch ab.
Letzte Woche, als ich darum bat, mir beim Bau meines Stundenplans zu
helfen, da mangelte es doch sehr an Hilfsbereitschaft. Keine einzige
Email, darum noch mal die Adresse:
s t e p h a n @ e n t h u s i a s t e n . d e
Abschliessend moechte ich noch sagen, dass Jan Ullrich sowohl das
Zeitfahren als auch das Strassenrennen der WM in Lissabon gewinnen wird,
aber das wisst ihr ja bereits, wenn ihr diese Zeilen lest (sofern Jochen
nicht wieder auf dem Lande weilt und den Text somit nicht auf die Homepage
stellen kann), schliesslich ist dann schon mindestens der 15 . Oktober.
Ich schreibe aber mein Wochen-Tagebuch diesmal schon am Donnerstag, obwohl
auch in Frankreich die Wochen meistens am Sonntag, hier heisst der
dimanche, enden. |
Vierte Woche
| Meinen potentiellen Freundeskreis hier
in Pau habe ich selbst schon minimiert, absichtlich. Fuer mich stand von
Anbeginn fest, anderen Erasmusstudenten gehe ich aus dem Weg. Schliesslich
will ich Franzoesisch lernen und nicht irgendwelchen Englaendern und Iren
Franzoesisch beibringen. Und da mir schon mehrere Franzosen versichert
haben, dass die Angelsachsen und Kelten eine schlechtere franzoesische
Aussprache als die Deutschen haben - eine Tatsache, die mir ohnehin
bekannt war - ginge ich bei zu viel Kontakt mit letzteren noch das Risiko
ein, ihre schreckliche Artikulation zu uebernehmen. Noch wichtiger aber
ist mir der Abstand zu den Deutschen. Davon habe ich in Berlin genug. Bis
auf einen, der mit mir in Potsdam studiert, konnte ich alle abschuetteln. |
| Mit den Vertreterinnen aus Hildesheim
ging das ganz einfach. Ihre fehlende Intelligenz kam mir dabei sehr
entgegen. Im Uebersetzungskurs Fransoesisch-Deutsch waren wir
unterschiedlicher Ansicht, ob es von begeistert einen Superlativ gibt, ich
plaedierte dafuer, sie dagegen, worauf ich zu ihnen meinte : « Bei Euch
gibt's 'am begeistertsten' vielleicht nicht, bei mir schon. Ich meine
natuerlich nicht, was Euch betrifft. » Die Franzosen im Kurs verstanden
wohl doch ein paar Brocken Deutsch, denn ich erntete einige Lacher. Die
Hildesheimerinnen verstanden meine Aussage natuerlich so, als haette ich
sagen wollen, man koenne wegen ihnen nicht am begeistertsten sein. Dabei
hatte ich das nur gemeint, gesagt hatte ich hingegen nur, dass dieser
Superlativ offensichtlich in ihrem bescheidenen Wortschatz keine Rolle
spielt. |
| Nach dem Kurs stellten sie mich zur
Rede. Eigentlich, dachte ich mir, koennen sie doch froh sein, dass ich
nicht gesagt habe, begeistert gibt's bei ihnen nicht, sondern nur am
begeistertsten. Aber Deutsche koennen halt nie genug kriegen. Ich verwies
jedoch auf den wahren Inhalt meiner Bemerkung. Das stellte sie nicht
zufrieden : « So was sagt man nicht ! » « Ich sag sowas
auch zu Leuten, die mich besser kennen . Man darf nicht alles auf die
Goldwaage legen, was ich sage . » « Da ist das was anderes. Bei
Leuten, die man kennt, laesst sich sowas besser einschaetzen. Da nehm ich
auch kein Blatt vor den Mund. » « Ich sag halt sowas, um zu sehen,
wie die Leute darauf reagieren. Dann weiss ich besser, ob es sich lohnt,
sich auf sie einzulassen. Ausserdem will ich hier in Frankreich keinen
Kontakt zu Deutschen haben. » « Trotzdem ! Das ist kein Grund, uns vor
den Franzosen im Kurs laecherlich zu machen. » « Ich bin halt so. Findet
mich doch einfach doof. » Sie nahmen diesen Vorschlag dankend auf,
bescheinigten mir aber noch, ueber die beruehmte Berliner Schnauze zu
verfuegen. |
| Die Berliner Schnauze, was heisst das
schon ? Dass man nicht andauernd rumrennt und Komplimente verteilt ?
So richtig wissen die meisten ja nicht, ob sie deswegen entzueckt oder
empoert sein sollen. Die eine Bayerin, der Aussprache nach zu urteilen aus
irgendeinem Alpental stammend, bat mich erst freudig darum, ihr eine
Kostprobe meines Berliner Zungenschlages zu geben. Als ich sie meinerseits
berlinernd bat, Deutsch zu reden, verstimmte sie das : « Das ist eben die
Berliner Schnauze. Damit musst Du leben.»
Ich liess dann noch einen Vortrag folgen ueber die Ueberlegenheit der
abendlaendischen Kulur gegenueber der bayrischen und uebertrieb dabei
extra. Selber schuld, wenn sie mir alles abnimmt. Da kann ich ihr
gegenueber auch ungerecht sein und ihr keine Chance geben, zumal, wenn sie
sich weigert zuzugeben, dass sie die CSU waehlt, stattdessen aber darauf
besteht, die Parteienpraeferenz sage nichts ueber die Persoenlichkeit
eines Menschen aus. Vielleicht ist das hin und wieder nebensaechlich, aber
nicht bei einer CSU-Waehlerin, die erst 22 Jahre alt ist. |
| Gegenueber den anderen deutschen
Studentinnen haette ich meine Ablehnung einfach so wie der andere
Potsdamer damit begruenden koennen, sie seien Wessis. Aber ich habe nichts
gegen Wessis, ich bin sogar dafuer, dass man ihnen die gleichen Rechte
zukommen laesst wie den Ostdeutschen. Bei mir entscheidet der Charakter
eines Menschen darueber ob ich mich mit ihm unterhalte, bei Maedchen das
Aussehen. Aber ich musste dann gegenueber den anderen auch gar nicht mehr
das Ekel spielen, hatte ich mich doch schon rumgesprochen. |
| Ich will mich ja selbst von Kritik nicht
ausnehmen, auch ich habe sicherlich Fehler, wenn auch nicht so schlimme.
Es ist immer noch fairer, einem gleich zu verstehen zu geben, dass man
nichts mit ihm zu tun haben will als was vorzuspielen. Ein kraeftiger
Schlag fuegt einem weniger Leid zu als viele kleine Nadelstiche. Gut, ich
gebe zu, der Vergleich ist eher schief als eben, doch wenn sie lachen,
dann gehen nicht drei Saeulen auf, zumal die Deutschen Erasmusstudentinnen
meine Vorurteile nachtraeglich rechtfertigten. Am Mittwoch versammelten
wir uns naemlich alle in einer angesagten paloiser Studentenkneipe (die
einzige, die Pau hat) La Tireuse, um die Franzoesinnen aus dem
dritten Studienjahr zu ueberreden, ihr kommendes Auslandssemester doch
nicht in England sondern in Deutschland zu verbringen. Das ganze hatte
dann auch wirklich den Charakter einer konzertierten Aktion. Die
Deutschdozentin muehte sich redlich, denn Franzoesinnen Deutschland
schmackhaft zu machen : « In Deutschland sind die Menschen viel
aufgeschlossener. Diejenigen franzoesischen Studenten, die in Deutschland
waren, haben durchgaengig bessere Erfahrungen gemacht, als die in England.
In Deutschland ist mehr los und das Leben billiger. Ausserdem regnet's in
England oft. So Lena, erzaehl mal, du studierst mal in Bremen, wie
ist es denn da so.» |
| « Ja, Tag, ich bin die Lena. In Bremen
da regnet's auch immer, aber das ist gar nicht schlimm, weil alle Leute
total lieb und gastfreundlich sind und trotzdem draussen in den Cafés
sitzen. Mit Schirm. Man denkt ja immer, im Norden seien die Leute
verschlossen, nein, in Bremen lacht jeder immer. Es gibt viele suesse
Cafes, viele Studenten, das Leben spielt sich auf der Strasse ab. Die Uni
ist total suess, niedlich und plauschig und menschlich. Es ist eben eine
schoene Studentenstadt. » « Schoen, das kann ich nur bestaetigen. Und
ihr, ihr kommt ja aus Hildesheim, wie ist es da ?» |
| « Ja, also, in Hildesheim, da regnet's
seltener als in Bremen, aber auch gelegentlich. Ansonsten koennen wir uns
Lena natuerlich nur anschliessen. Also in Hildesheim, da sind wirklich
alles total nett und es gibt total viele Studenten. Das ist ein total
schoenes Gemeinschaftsgefuehl. Abends trifft man sich in Cafés, qutascht,
trifft hier und dort in den niedlichen Gaesschen andere nette Studenten,
feiert Partys. Die Uni ist auch total suess und sehr menschlich. Es ist
eben vielleicht eine der schoensten Studentenstaedte Deutschlands.
» « Ja, dem kann ich nur zustimmen, und ihr, ihr kommt aus
Goettingen?» |
| « Ja, das stimmt, wir kommen aus
Goettingen. Goettingen, da haben wir wenig Regen. Dafuer ist das aber
vielleicht die ultimative Studentenstadt schlechthin. Da gibt's praktisch
sonst nichts. Ueberall tobt das Leben in den kleinen niedlichen,
huebschen, suessen Gassen. Man versteht sich, bleibt auf der Strasse
stehen, quatscht nett, geht weiter, setzt sich in Cafés, quatscht, steht
wieder auf. Obwohl die Uni gross ist, hat man viele Freunde und verliert
nicht die Uebersicht. » « ..ja, ja . so ist das. In
Goettingen waren ja viele beruehmte Professoren. Und Anna, erzaehl mal von
Marburg. » |
| « Ja, es ist genauso, wie bei meinen
Vorrednerinnen. Suesse Cafés, niedliche nette Gassen, viele Studenten,
viel Kultur. Wir haben auch ein Kino. Noch weniger Regen. Total viele
Studenten. Das Leben macht da einfach Spass. Das ist mit Sicherheit die
Studentenstadt schlechthin, einfach toll. » « Ja, richtig, und du
Sandra, wie ist Regensburg. » |
|
« Die ultimative Studentenstadt, noch ultimativer als
Marburg. Auch wenns das Wort im Namen traegt, Regnen tut's hier nie. Im Sommer
fuehlt man sich wie in Italien. Und man sieht auch keine Arbeitslosen und
Bettler. » « Puhh, Glueck gehabt, und jetzt Du Stephan. Du studierst in
Potsdam, erzaehl mal. » « Ja, die Uni ist normal. » « Ja,
und wie ist die Stadt so. » « Ich weiss nicht, nach der Uni versuche ich da so
schnell wie moeglich wieder wegzukommen. Viele sagen, die soll langweilig sein.
Ich bin mehr in Berlin. » « Und wie sind in Berlin die Unis. » « Voll !
» « Ah ja. »
|
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Es schloss sich eine kurze Meinungsumfrage an. Alle
wollten weiter nach England und wenn sie es denn nach Deutschland mussten, nach
Regensburg, weil das Wetter dort am besten war. Berlin, so wurde gemeint, sei zu
trist. Ich sollte Berlin verteidigen. Wollte ich das ueberhaupt. Sollte ich
jetzt die anderen Staedte noch toppen, indem ich darauf hinwies, das es in
Berlin noch mehr Studenten gebe, noch mehr Kneipen und sogar mehr als ein Kino,
ferner die Sommer sehr warm seien. Aber niedlich, nett, suess, kuschelig hatte
ich eigentlich aus meinem Vokabular verbannt. Das war nicht meine Sprache. Und
im Grunde ging es doch eh nicht um das Wetter, wie konnte England dann in Frage
kommen. Fuer die paloiser Landpomeranzen war selbst Pau mit seinen 40000
Einwohnern unuebersichtlich. Die meisten wohnten in irgendwelchen kleinen Orten
in der Naehe und hatten sich noch nicht mal nach Paris getraut. Sie wollten sich
ihre schoene kleine idyllische Welt nicht kaputtmachen lassen, indem sie sich
zumuteten, in Berlin vielleicht auch mal mit sozialen Problemen konfrontiert zu
werden. Ausserdem muessten sie sich da alleine zurechtfinden. Das war natuerlich
schwerer als in Pau, was man in fuenf Minuten durchschritt. « Ja, das stimmt »,
sagte ich darum. « Berlin ist trist. Gut beobachtet in den Nachrichten. Berlin
hat sehr viele Obdachlose, mehr als Pau. Aber es gibt den BFC, da ist bei den
Spielen immer total viel Action. Es gibt viele Tuerken, Polenmaerkte und
Sibirien ist nicht weit. » Damit hatte ich wohl auch den letzten Zweifel
ausgeraeumt, ob Berlin abzulehnen sei.
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Der kroenende Abschluss bestand darin, dass die Dozentin
uns alle aufforderte, deutsch-franzoesische Grueppchen zu bilden, um uns
gegenseitig besser kennenzulernen. Nach kurzem Zoegern begann das grosse
Stuehleruecken. Der eigentliche Grund war wohl eher die Absicht der Dozentin,
uns Deutschen die Moeglichkeiten zu geben, die Franzoesinnen in
Vier-Augengespraechen zu beknien, doch in unsere Stadt zu gehen. Die
Franzoesinnen wollten sich offenbar nicht umstimmen lassen, weshalb sie
geschlossen zu der Regensburgerin hinpilgerten. Die Dozentin musste daraufhin
eingreifen. Ich beteiligte mich an dem ganzen nicht, blieb einfach auf meinem
Platz sitzen. Mir war es egal, an wen ich geriet. Fuer mich stand schon fest,
dass alles nur ein Austausch von Belanglosigkeiten sein wuerde. Obgleich mir als
einziger Junge eigentlich die Rolle des Hahns im Korb zukaeme, fuehlte ich mich
eher wie ein Mann im Huehnerstall, der die Huehnersprache lernen wollte und die
Huehnersprache war in diesem Fall Franzoesisch sprechen. Hauptsache die fremde
Sprache lernen. Ueber den Inhalt der Gespraeche gab ich mich keinen Illusionen
hin.
|
| Vielleicht war es wieder ungerecht, die
Franzoesinnen danach zu beurteilen, in welchen Ort sie wollten und warum.
Aber ich habe es mir nun mal nicht ausgesucht, ich beurteile halt Menschen
danach. Ich hatte ja keine anderen, besseren Anhaltspunkte. Eigentlich
schade, dass man so schnell die Illusion verliert, im Ausland seien die
Menschen interessanter, obwohl besessen hatte ich diese Illusion ja
eigentlich nie. Dann eben schade, dass man das so schnell merkt. Die
Franzoesin, die sich schliesslich neben mich setzte, durfte sich darum
auch von mir einen Monolog anhoeren. Fragen stellte ich ihr nicht, ich
wollte reden, um meinen muendlichen Ausdruck zu verbessern. Nur zum
Korrigieren durfte sie mich unterbrechen. Ich behandelte dabei vorrangig
Themen, in denen ich mich bisher noch nicht so geuebt hatte, und
versuchte, so viel wie moeglich Vergangenheitsformen und Pronomen zu benutzen,
da mir das noch recht schwer viel. |
Fünfte Woche
| Das Charakteristische an kleineren
Staedten ist der Umstand, dass sich saemtliche lohneswerten Einrichtungen
ausserhalb befinden. So auch Diskos. Nun bin ich gewiss nicht wegen der
Diskos nach Pau gegangen, aber erstens muss ich mit dem Vorlieb nehmen,
was mir die Region Aquitaine so bietet, und zweitens war in mir die
Hoffnung, mich doch noch mal an einem Ort ein bisschen heimisch zu
fuehlen, noch nicht ganz abgestorben. Gut, ich muss gestehen, so richtig
geglaubt habe ich daran nicht und Diskos muten fuer eine solche
Zielsetzung recht ungewoehnlich an. Aber ich bin ja auch ein ziemlich
ungewoehnlicher Mensch. Obwohl ich das eigentlich nicht mehr zu erwaehnen
braeuchte. |
| Beruhigend war fuer mich zunaechst mal
die Tatsache, dass wir drei Franzoesinnen kannten, die uns (uns steht hier
fuer mich und den anderen Erasmusstudenten aus Potsdam, den ich der
Sprachoekonomie wegen fortan Christian nenne) da hin fahren wollten. Diese
Aussicht war doch um einiges rosiger, als haetten wir die zwanzig
Kilometer zur Disko zu Fuss absolvieren muessen. Da haetten wir dann
ungefaehr um 17 Uhr losgemusst, um gegen 23 Uhr da zu sein. Ausserdem
haetten wir bei nur ungefaehr zwei bis drei Liedern tanzen duerfen,
natuerlich nur ganz ruhig, um die noetige Kraft fuer den Rueckweg zu
sparen, den wir um 23.30 angetreten haetten. Nein, bei dieser Alternative
konnte ich es schon verschmerzen, dass keine der drei Franzoesinnen auch
nur im Ansatz in meinen Aesthetikkanon passte. Aber die Maedchen konnte
man ja in der Disko auch heimlich ersetzen, so dass man mit anderen
zurueckfuehre. Wir muessten dafuer bloss eine Gruppe gutaussehender
Maedchen finden, die in Begleitung haesslicher Typen waren. Dann
wuerden wir die Maedchen einfach austauschen. Am besten waere
selbstverstaendlich ein haesslicher Typ mit sechs huebschen Franzoesinnen.
Ich war mir allerdings nicht sicher, ob Christian da mitspielen wuerde.
Er, obwohl in Deutschland liiert, hatte sich naemlich in eine der drei
Franzoesinnen, Orelie, verliebt, wie er bekundete. Orlelie war so
ungefaehr die zweite Franzoesin, die ihm in Pau ueber den Weg gelaufen
war, nach der fuenzigjaehrigen Rezeptionsdame im Studentenwohnheim. Fuer
mich ist das unbegreiflich. Aber wenn er nicht mitspielte, dann musste ich
ihn halt auch umtauschen, gegen ein siebtes Maedchen. |
| Bevor es zur Disko ging, hatte ich aber
noch reichlich zu tun, Christian so beeinflussen, dass meine Plaene,
Maedchen aufzugabeln, nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt waren.
« Stephan. Ich war noch nie in einer Disko. Wie ist das da? » « Ja da
laeuft Musik. Und dann sind da Leute, die tanzen. Manche Leute tanzen aber
auch nicht. » « Mann, das ist mir auch klar. Aber wie tanzt man denn ?
» « Das kommt auf die Musik an. » « Na zum Beispiel so bei
neumodischer Musik. Ich will nicht falsch tanzen.» « Tanz einfach so wie
du dich fuehlst. Sei einfach du selbst. » « Ist das o.k. so ? » Als er
begann, mir das vorzufueheren, aenderte ich meine Meinung : « Also o.k.
ganz anders, sei nicht du selbst und versuche vor allen Dingen nicht so zu
tanzen, wie du dich fuehlst. Zunaechst mal, man tanzt fuer sich allein,
die Freunde dienen allenfalls als grobe Orientierung. Und erst recht haelt
man sich beim Tanzen nicht fest, auch nicht an den Haenden. Also lass mich
los ! » « Aber im Musikunterricht in der Schule haben wir uns auch immer
angefasst. » « Ja, das ist ja auch der Grund, warum man das in richtigen
Diskos nicht macht. Allenfalls bei deiner Freundin, oder wenn du eine
angebaggerst hast, geht das. » |
| Auch ich hatte die leidliche Erfahrung
gemacht, was es hiess, sich im Musikunterricht beim Tanzen anzufassen. Es
gab da eine genau festgelegte Demuetigungshierarchie. Tanzen im
Musikunterricht verhiess schon semantisch nichts gutes. Alle Taenze die
erst nach dem 16 Jahrhundert entstanden waren, wurden naemlich von
vornherein ausgeklammert, weshalb die ganze Veranstaltung das Ambiente
einer mittelalterlichen Tafelrunde hatte. Der Burgherr war der
Musiklehrer, wir Schueler waren die Ritter, und die Maedchen die Hofdamen.
Der entscheidende Unterschied zur historischen Vorlage lag darin, dass wir
Jungen aber wenig von den konverntionalisierten hoefischen Umgangsformen
hielten, noch weniger aber von den meisten Maedchen, weshalb jeder
irgendwie versuchte, mit seinem besten Freund zu tanzen. Damit war man
einigermassen aus dem Schneider. Auch noch zu verschmerzen war es, wenn
man die gutaussehenden Maedchen der Klasse erwischte, wovon es aber in der
Regel nur eine gab. Das schoenste Maedchen erhielt dann entweder der
schoenste Junge oder der staerkste, wobei es fuer den schoensten Jungen
von Vorteil war, auch zugleich der staerkste zu sein. Andernfalls musste
er sich vielleicht noch mit diesem auseinandersetzen. Schwer hatten es die
Jungen, die keine Freunde hatten. Dazu gehoerte ich. |
| « So, und wer tanzt mit Joanna ?
Warum will denn keiner ? Wenn nicht, bestimme ich einen ? » Wenn jemand
fuer Joanna gesucht wurde, fluechteten die nicht untergekommenen Jungen
schnell zu schon vorhandenen Paaren, in der Hoffnung, nicht entdeckt zu
werden. « Bekim ! Du hast doch noch niemanden ! » « Doch, Herr Guenter.
Ich tanz mit Engin und Murat. » « Nein, du gehst zu Joanna. » «
Ich will aber nicht mit Joanna tanzen. Die ist haesslich, Herr Guenter. »
« Na und, du bist auch nicht gerade eine Schoenheit. » Erleichtert
atmete ich auf. « Und du Stephan, was ist mit dir ? » « Ich, also ich
tanz allein. Ich kann mich da besser konzentrieren. » « O.K. du tanzt
mit mir. » Mit Herrn Guenter tanzen zu muessen war der Gipfel an
Imagschaedigung, die man erleiden konnte. Noch bei der Abivergabe wurden
deswegen auf meine Kosten Witze gerissen. |
| Verstaendlich daher, dass ich das
Christian nicht durchgehen lassen konnte. Darum uebte ich mit ihm in
meinem Zimmer im Wohnheimsplatz so lange tanzen, bis es mir zumindest
nicht mehr peinlich sein musste, dieselbe Nationalitaet wie er zu haben.
Doch mit dem Tanzen nicht genug. Auch die Kleidung liess zu wuenschen
uebrig. « Nein Christian, so kannst du nicht gehen. So lassen sie dich
garantiert nicht rein. » « Warum denn nicht ? » « Weil man nicht mit
Sandalen und kurzen Hosen in Diskos geht. Und bei der Disko sind bestimmt
Tuersteher, die auf sowas achten. » « Aber es ist doch warm. Da ist doch
die Kleidung bequem. » « Trozdem, es geht nicht darum, ob es bequem ist,
sondern wie es aussieht. Also, zieh lange Hosen an, wenn moeglich Jeans
oder Schlag und deine schwarzen Adidas-Schuhe, mit denen du in der Halle
immer Fussball spielst ! » Er hatte keine der beschriebenen Hosen und
fand die Adidas-Schuhe unpassend. Ich wies ihn darauf hin, dass heutzutage
sowas aber in sei, er entschied sich dann immerhin fuer seine
Trekkingkleidung. |
| Die richtige Disko zu finden, war gar
nicht so einfach. Die erste hatte nicht geoeffnet, auf dem Parklplatz vor
der zweiten standen nur drei Autos. Nachdem wir etwa 150 Kilometer durch
die Nacht gekurvt waren, erreichten wir schliesslich La Noche, eine Disko
bei der ich schon von aussen wusste, dass ich mich drinnen aergern wuerde,
die 25 Franc Eintritt hingelegt zu haben. Als Optionen gab es noch die
Moeglichkeit, draussen zu warten, bis die anderen sich genug amuesiert
hatten oder alleine zurueckzulaufen. So blieb mir keine andere Wahl, als
mich nicht auszuklinken.
Am Einlass wummerte uns schon Musik entgegen, die offensichtlich kein
bisschen Stolz besass. Jede andere Mucke haette sich fuer eine solche
Niveaulosigkeit geschaemt. Der Tuersteher hatte mitbekommen, dass
Christian und ich Deutsche waren : «Eh ! Vous êtes allemands. Vous
allez aimer cette truc. Escht doetsche Techno. » Ich sah das anders,
traute mich aber nicht, ihm zu widersprechen. Zunaechst mal mochte ich
keinen deutschen Techno und zum anderen war das auch keiner. Auch wenn ich
noch nie ein gutes Haar an deutschem Techno ausgelassen hatte, so musste
ich ihn in diesem Moment doch mal in Schutz nehmen. So schlecht wie das
hier klang nicht mal er. Ich hielt eher das Etikett franzoesischer
Kindertechno fuer angemessen. Aber wie sagte man das auf Franzoesisch : techno
français pour les enfants ? In solchen Situationen war ich ueber die
Griffigkeit der deutschen Sprache sehr dankbar, die ich eh immer mehr
schaetzen lernte. |
| Drinnen begneten wir vielen vertrauten
Gesichtern. Saemtliche Araber aus unserem Studentenwohnheim hatte sich
eingefunden und natuerlich die Erasmusmannschaft, besonders der deutsche
Teil. Echte Franzosen, gab es, abgesehen von den drei, die mit uns
gekommen waren nicht. Na toll, dachte ich mir. Die Franzosen wussten
offensichtlich, warum sie diesen Platz mieden. Nur die Randgruppen hatten
sich hierhin verirrt. Da die Araber - auch nach eigenem Bekunden - bei den
franzoesischen Maedchen keine Chance hatten, schickte man ihnen die
auslaendischen Studentinnen. Und damit diese auch wirklich auf maennliche
Heimbegleitung angewiesen waren, lag die Disko am Arsch der Welt. Die
auslaendischen Studentinnen gingen natuerlich bereitwillig auf das
Anbaggern ein, konnten sie doch dann spaeter erzaehlen, was mit einem
Franzosen gehabt zu haben, wenn auch die meisten Araber schlechter
franzoesisch sprachen als sie selbst. |
| Ich hatte mich sofort darauf festgelegt,
aufs Tanzen zu verzichten. Der DJ machte es mir auch recht einfach. Der
qualtitative Hoehepunkt wurde mit den Weather Girls und It's raining again
erreicht, ein Lied bei dem ich ansonsten die Disko verlasse. Meine
Unzufriedenheit mit der Musik bekundete ich normalerweise damit, dass ich
mich vor dem DJ-Pult aufstellte und ihm demonstrativ gelangweilt die Arme
entgegenstreckte, abwechselnd im Abstand von zehn Sekunden das rechte und
das linke Knie anhob. Ich hatte diesen Tanz schon vor Jahren The Protest
Dance getauft. Aber in La Noche hatte man den DJ vorsorglich in einem
separaten, nicht zugaenglichen Raum vor der Konfronation mit dem Publikum
versteckt. Ausserdem konnte ich ja nicht bei allen Liedern durchgaengig
protestieren. Da dachten noch alle, ich tanze wirklich so. |
| So entschied ich mich fuers Rumstehen.
Meine Begleiterinnen und Christian begannen schon mal, vorsichtig zu
wippen. Ich blieb steif. Ich liess mich auch nicht von den immer mal
wieder zu uns kommenden Arabern beeinflussen, die uns auf die Schulter
klopften : « C'est génial ici, la musique, les filles. » Ich
fand die filles gar nicht genial, dieses Wort zaehlte ohnehin nicht zu
meinem Wortschatz. Wie kann man Maedchen genial finden, die zu dieser
Musik tanzen und auch noch denken, dies sei typische franzoesische Musik,
wie ich es von einigen Englaenderinnen vernahm. Fuer mich waren Maedchen
noch nie genial, die sich auf das Anbaggern von Arabern einliessen und
sich noch darueber freuten, weil sie nicht merkten, dass das anbaggern
nicht ihnen galt, sondern der Tatsache, dass sie keinen Pimmel sondern
eine Muschi in der Hose hatten. |
| « Tu n'aime pas danser ? »,
schrie mir Laure, die zweite unserer Begleiterinnen ins Ohr. « Mais
oui. », schrie ich zurueck. « Tu dois boire quelque chose. Après
ça va mieux. » Um sie zufriedenzustellen, bestellte ich was zu trinken.
« Un coca ! » Ich war mir sicher, dass ich, nachdem ich die Cola
getrunken hatte, nicht eher tanzen wuerde. Der Barkeeper hatte
offensichtlich Mitleid mit mir : « Il est sympa, ce mec. » Er
versprach mir, dass er mir noch ein Freigetraenk geben wuerde, wenn ich
meine Cola ausgetrunken haette. Ich versuchte kurz zu laecheln, aber nur
verkrampft, schliesslich sollte keiner denken, ich wuerde mich hier
amuesieren. Es gelang mir auch, muehelos meinen genervten Gesichtsausdruck
wieder einzustellen. Ich wuerde nichts, sagen, nichts ueber die scheiss
Musik, nichts ueber die Leute, die mich nervten. Ich war kein Noergler.
Erst muessten sie mich fragen. Obwohl ich mir grosse Muehe gab, das
richtige Mittelmass zwischen traurig und angewidert zu treffen und meines
Erachtens auch traf, kuemmerten sich meine Begleiter nicht darum. Im
Gegenteil, Christian und die drei Franzoesinnen hatten laengst von der
tanzenden Masse absorbiert worden. |
| Ich ging erst auf Toilette, dann
raus vor die Tuer. Warum interessierte sich eigentlich niemand dafuer, ob
es mir gefiel? Sah man mir denn nicht an, wie ich an der Musik litt ? Wie
liebend gerner waere ich jetzt in irgendeinem Club in Berlin gewesen. Da
koennte ich wenigstens auch mal Songs hoeren, die meinen guten
Musikgeschmack beruecksichtigten. Selbst wenn ich dort ganz ohne
Begleitung hinging, fuehlte ich mich weniger einsam als jetzt. Wo waren
denn in Pau meine Freunde ? Kuerzlich hatte ich einen Brief bekommen, in
dem mir die Autorin unterstellte, dass ich erstens Berlin nie vermissen
wuerde und wenn doch, es nicht zugaebe. Sie hatte recht : erstens
vermisste ich Berlin nicht und zweitens gab ich es auch nicht zu, dass ich
Berlin vermisste. Das wuerde nie einer erfahren, auch nicht Christian, der
nach ungefaehr zehn Minuten ploetzlich neben mir stand : « Mensch Stephan
! Ist was mit dir ? Geht's dir nicht gut ? » « Ne, ist schon gut, ich
will nur alleine sein, mach dir mal keine Sorgen. Geh ruhig wieder rein
tanzen. » |
| Warum hatte nicht ein Maedchen
rauskommen und sich nach meinem Befinden erkundigen koennen. Haette sie
mir nur ein bisschen gefallen, ich haette ihr vielleicht sogar gesagt,
dass ich Berlin vermisse. Aber gut, es gab ja keine gutaussehenden
Maedchen in La Noche. Wie sollte da eine rauskommen. Jochen S., ein Freund
von mir aus Berlin, riet mir, dass jetzt langsam die Entwicklung einsetzen
und der Held sich mit Pau identifizieren muesse. Womoeglich war da was
dran. Irgendwo dahinten war Pau und irgendwas musste es ja geben, wofuer
man die Stadt akzeptieren wuerde koennen. Und eine Sache war ja schon mal
gut : Ich war der Held, das stand schon mal fest. |
Sechste Woche
| Um ein Land richtig kennenzulernen, müsste
man die Orte aufsuchen, an denen sich die Einheimischen aufhalten. Dieser
Lehrsatz war ihm nicht neu. Er hatte sich auch vorgenommen, ihn zu
beherzigen. Allerdings waren Theorie und Praxis nicht unbedingt zwei
Seiten einer Medaille. Die Theorie liess sich eher mit den Seiten einer
Bronze-Medaille beim Sportfest in der Grundschule vergleichen, waehrend
die Praxis eher den Gold-Medaillen bei den Olympischen Spielen entsprach.
Er selbst waere ja schon mit einer Bronzemedaille zufrieden gewesen, so
wie eigentlich in allen Belangen seines Lebens. So hatte er durchaus
vorbildliche Prinzipien, Werte, Ansichten und Plaene. Nur leider reichte
das der Welt nicht. Man sollte sie auch umsetzen. Das war halt das Problem
mit den Medaillen. Nicht die Teilnahme zaehlte, sondern nur der Sieg. |
| Aber wo traf man die Einheimischen, wo
hielt sich der typische Paloiser auf. Er hatte zunaechst mal bei der Fnac
vorbeigeschaut. Das einzige, was ihm da typisch franzoesisch erschien,
waren die Preise. 120 FF mussten mindestens fuer eine CD hingelegt werden.
Frankreich war also teurer als Deutschland. Das hatte er aber eigentlich
schon vorher gewusst. Und so richtig befriedigend war das nun auch nicht,
zumal man sich die CDs nicht mal anhoeren konnte, bevor man sie nicht
kaufte. |
| Geh in Kneipen, hatte ihm ein Freund aus
Berlin geraten. Stimmt, er erinnerte sich wieder. Das hatte er wohl
verdraengt. Es zaehlte auch in Berlin nicht gerade zu seinen
Lieblingsbeschaeftigungen, in solchen Etablissements die Zeit
totzuschlagen. Er hatte sich einmal ins Schwarz /Sauer in der
Kastanenallee gesetzt. Es war aber nichts passiert und er war ziemlich
schnell zu der Erkenntnis gelangt, dass dort auch nicht mehr los war, als
zu Hause. Und zu Hause, da waren die Getraenke billiger, die Toilette
sauber und man musste sich nicht permanent irgendwelche langweiligen und
inhaltsleeren Handytelefonate anhoeren. Ausserdem hatte er es nie
verstanden, dass es Leute gab, die den ganzen Tag in Kneipen und Cafés
rumsassen. Mussten die denn nicht auch mal arbeiten, hatten die denn keine
anderen Verpflichtungen? Wahrscheinlich waren die alle arbeitslos. Damit
das niemand merkte, taten sie auch so beschaeftigt und wichtig. Manche
Leute hatten ihre Schreibbloecke dabei und kritzelten da irgendwelche
Belanglosigkeiten rein, andere taten so , als wuerden sie zeichnen, wieder
andere liessen sich in Fuenfminutenintervallen von ihrer Mutter anrufen,
die sich als ihr Agent ausgeben sollte. Die Umsitzenden und
Vorbeilaufenden sollten glauben, man habe es mit Kuenstlern zu tun.
Moeglicherweise wollten sie sich auch selbst beruhigen. Er verachtete
diese Leute. Darum setzte er auch immer seinen angewidertsten
Gesichtsausdruck auf, wenn er an den sogenannten Szenekneipen vorbeilief.
Gelegentlich hatte er seiner Verachtung auch schon dadurch Ausdruck
verliehen, dass er vor den Tischen, die auf den Buergersteigen standen,
demonstrativ ausspuckte. |
| Die Szenekneipen in Pau konzentrierten
sich am Boulevard des Pyrénées. Richtige Szenekneipen waren sie
allerdings nicht, zum Teil, weil die meisten von ihnen sich nicht zu einer
Entscheidung durchgerungen hatten, ob sie nun eigentlich eine Kneipe sein
wollen, ein Restaurant oder doch lieber ein Café. Der anderen Grund lag
darin, dass der Boulevard des Pyrénées in jedem Reisfuehrer ueber
Suedfrankreich empfohlen wurde. Reisefuehrerempfehlungen sind ja, wie
allgemein bekannt, fuer jede Szene toetlich. Pau verdankte dem Boulevard
sehr viel, so das Lob vom Dichter Lamartine : « Pau est la plus
belle ville de terre comme Naples est la plus belle vue de mer. »
Ganz falsch war das sicherlich nicht. Vom Boulevard hatte man bei klarer
Sicht wirklich einen wunderschoenen Blick auf die Pyrenaeen. Bloss sagte
sich der typische Paloiser gewiss nicht : « So, ich will mal wieder einen
schoenen Blick auf die Pyrenaeen haben. Ich werd mich mal in eine der
ueberteuerten Kneipen am Boulevard des Pyrénées setzen. » |
| Ueberteuert waren sie in der Tat, das
hatte er schnell gemerkt. Eine Cola kostete da 16 FF, lief man von dort
aus weiter Richtung Norden wurde es mit abnehmender Zahl der Palmen
zunehmend preiswerter. Am Place George Clemencau bezahlte man noch
14 FF, in der Rue Henri Faisans noch 13. Die Kneipen in dem
Neubauviertel, in dem sich auch sein Studentenwohnheim befand, boten Cola
bestimmt schon fuer 10 FF an. Nur hatte er bisher noch keine ausfindig
machen koennen. Nein, am Boulevard des Pyrénées traf man zwischen
den Touristen in den Kneipen mit dem Mallorcaambiente allenfalls ein paar
junge Paloiser. Und die waren nun auch nicht unbedingt brauchbar. Man
merkte Menschen eine Stadt erst an, wenn sie schon mindestens vierzig
Jahre in ihr gelebt hatten. |
| Nachdem er eine Weile durch die Strassen
von Pau gestromert war, hatte er schliesslich eine Kneipe gefunden. Das
hatte sich als gar nicht so einfach rausgestellt. Die PMU-Bars, die mit
ihrer Aesthetik zwischen Bistro und McDonalds aus keiner franzoesischen
Stadt wegzudenken sind und somit fuer seine Erkundungen geradzu
praedestiniert waren, schlossen alle schon um 18 Uhr (wie ueberhaupt die
meisten Bars vor den Lebensmittelgeschaeften zumachten), das St.
Patricks oeffnete nicht am Montag und Dienstag und die Bar
des Arts oeffnete ueberhaupt nicht. Da bot sich fast zwangslaeufig die
Amstel Bar el Señor an. Vielleicht hatte es ihn auch intuitiv da
hingezogen, weil ihn Amstel an das Amstel Gold Race, erinnerte, welches
jedes Jahr die Serie der Fruehjahrsradklassiker schloss. |
| Er hatte sich immer gefragt, wofuer
Amstel stand. Hier las man das an total vielen Kneipen. Dieses Wort war
aber auch das einzige, was ihm Vertrauen einfloesste. Ansonsten war ihm
auch ein bisschen mulmig zumute. Schliesslich war er ein Eindringling, ein
Fremdkoerper in dieser Kneipe, sowohl was die Herkunft betraf, als auch
das Alter. Er hatte, immer wenn er daran vorbei gelaufen war mal kurz
reingespaeht und das durchschnittliche Alter der Gaeste lag so bei
ungefaehr 40-50. Er war erst 22. Gut, er sah aelter aus. Aber ob das
reichte? Er wuerde sich halt gut vorbereiten muessen, damit man ihm
wenigstens nicht ansah, dass er kein Franzose war. Am einheimischsten
wirkte man immer noch, las man eine lokale bzw. regionale Tageszeitung. In
Pau gab es keine lokale Tageszeitung aber immerhin drei regionale La République
des Pyrénées, L'Eclair und France Sud Ouest,
eigentlich alles Blaetter, in die er normalerweise nie einen Blick werfen
wuerde. France Sud Ouest war aber von den dreien das kleinste
Uebel, da standen immerhin noch die Ergebnisse der Champions League drin
und eine Seite mit internationaler Politik gab es auch. |
| Es war natuerlich nicht geschickt, wenn
er in der Kneipe bestimmte Woerter in seinem Pons-Woerterbuch nachschlagen
musste, darum hatte er sich vor Betreten der Kneipe alle Texte schon mal
durchgelesen, sich die unbekannten Vokabeln mit einem roten Textmarker
angestrichen und die deutschen Uebersetzungen an den Rand geschrieben. Er
wuerde dann so nebenbei ganz unauffaellig ueber den Zeitungsrand linsen,
um Impressionen zu sammeln. Um sich Sachen aufzuschreiben wuerde er mit
seinem Fineliner und seinem Notizblock einfach auf Toilette gehen. So
bekaeme schon keiner mit, dass er nicht von hier waere. |
| In der Amstel Bar el Señor war
nicht sehr viel los. Es gab genau vier Anwesenden, von denen einer der
Barkeeper sein musste. Das erschwerte natuerlich sein Vorhaben, nicht
aufzufallen. Aber wenn das das typische Pau war, dann hatte man das auch
so zu akzeptieren. Er fand einen Platz hinten in der Ecke, wobei Platz
finden uebertrieb. Er hatte freie Auswahl, da der Wirt mit seinen Gaesten
Dart spielte. Vor ihm lag die Theke, rechts davor ging es zur Toilette, an
der linken Seite langweilten sich zwei Spielautomaten. Vielleicht kaeme es
ja jetzt besonders paloisisch, wenn er sich einfach an einen stellte und
anfing rumzuspielen. Um sich in Bars an die Spielautomaten zu wagen,
musste man schon sehr einheimisch sein. Allerdings standen die Automaten
gleich neben der Dartscheibe. Und wenn einer mal doch aus Versehen etwas
schlecht zielte? Ferner wusste er auch gar nicht, wie er die zu bedienen
hatte, das Risiko, danach fragen zu muessen, wollte er nicht eingehen. |
| Er gab vor, sich in France Sud Ouest zu
vertiefen. Er las also nochmal, dass es am Samstag ein Treffen der Freunde
des Nacktbadens gab, dass die eine Briefmarkenmesse ein Bombenerfolg war,
dass die freiwillige Feuerwehr in Pau kostenlos Kalender fuer das Jahr
2002 zum Thema EURO verteilte und dass die Bewohner von Bizanos darueber
klagten, dass die angrenzenden Gemeinden ihren Ort als Durchfahrtsstrasse
missbrauchten, um schnell nach Pau zum Einkaufen zu gelangen, weshalb die
Bizanoser von permanentem Verkehrslaerm belaestigt werden. Das hatte ihn
schon beim ersten Lesen vor zwei Stunden nicht wirklich interessiert, aber
er gab vor, sich von diesen Neuigkeiten und Umstaenden emotional betroffen
zu fuehlen, indem er die Stirn in nachdenkliche Falten legte und kritisch
blickte. |
| Den Wirt hatte er immer noch nicht
identifiziert. Drei der Maenner hatten eine Glatze. Er tippte auf den
etwas Dicklichen mit Schnauzer und im Karohemd und ausgewaschenen Jeans.
Warum der nicht endlich mal kam ? Gut, dann musste er halt selber
hingehen. « Pardon ! Qui est le serveur ? » Er hatte recht. Es
war der Mann mit dem Karohemd. Er besass halt schon immer eine sehr gute
Menschenkenntnis. « Aehh: un Cola!» « Qui ? » « Un
Cola, s'il vous plaît. » Der Mann verstand noch immer nicht. « Coca
Cola. » « Ahh, un Coca. » Damit hatte er seine franzoesische
Nationalitaet wohl endgueltig verspielt. Aber jetzt wegzugehen, waere auch
nicht richtig. Er setzte sich wieder auf seinen Platz. Dass die Stuehle
auch noch so hoch sein mussten. Er griff sich wieder France Sud Ouest,
also nochmal die Fussball-Ergebnisse anschauen. Dortmund hatte immer noch
gegen Liverpool mit 0 :2 verloren. Ein Unentschieden haette gereicht. Ein
kurzer Blick ueber den Zeitungsrand, es gewann immer noch derselbe, der
einzige, der noch Haare hatte. Was die 64 auf seinem T-Shirt zu bedeuten
hatte? Damit hatte er ja hier schon mehrere gesehen. In Berlin trugen ja
seit kurzem einige T-Shirts mit der Zahl 36, was fuer SO 36 stand. Ob es
hier einen Szenebezirk gab, der 64 hiess? |
|
Das Radio war auf Energy eingestellt, einen Kacksender,
der einen in den entlegensten Ecken Europas verfolgte. Ausserdem rauschte der.
Er hatte aber schon gemerkt, dass das Rauschen von ihm selbst gemindert werden
konnte. Beugte er sich nach vorne und legte das Kinn auf den Tisch, dann wurde
es merklich leiser, noch besser ging es, hob er mit dem rechten Arm das Glas mit
der Cola in die Luft. Ganz verschwand es, schob er zusaetzlich noch den Po nach
hinten und hielt sich die Zeitung ueber den Kopf. Natuerlich war ihm das eher
zufaellig aufgefallen und er sah sich auch nicht in der Verantwortung, das
Rauschen abzustellen. Wenn dafuer einer zustandig war, dann der Wirt.
|
| Die anderen Gaeste gingen. Jetzt war er
also mit ihm alleine. Der Wirt begann, Glaeser zu waschen und trocknen. Er
laechelte ihn kurz mal an. Es war immer besser, sympathisch zu wirken,
gerade wenn man Deutscher war. Er legte die Zeitung weg. Mal gucken, ob es
noch was gab, was ihm noch nicht aufgefallen war. Die Waende waren gruen
gestrichen, der Boden gefliest. Ansonsten gab es nichts festzuhalten. Es
kam auch offensichtlich kein Gast mehr. Der Wirt blickte immer mal wieder
muerrisch rueber. Vielleicht besserte sich ja seine Laune, wenn er ihm
anbot, die Glaeser abzutrocknen. Aber nein, das waere doch nicht gut. Er
ging auf die Toilette und schrieb in sein Notizblock : « Die Waende sind
gruen und der Boden ist gefliest. Ansonsten ist nichts festzustellen. Es
kommt auch offensichtlich kein Gast mehr. Der Wirt blickt muerrisch. Helfe
ihm aber doch nicht beim Abtrocknen der Glaeser. » |
| Er enschied sich doch lieber zu gehen.
Moeglicherweise wollte der Wirt die Bar ja auch schliessen. Es war ja
schon nach acht und schliesslich hatte er es ja auch schon eine
dreiviertel Stunde hier ausgehalten. Draussen war es eh schon dunkel. Er
wuerde auf dem Weg zum Studentenwohnheim wieder grosses Glueck benoetigen,
um nicht in einen der zahlreichen paloiser Hundehaufen zu treten. Er
zahlte, 12 FF. « Je suis Allemand. » « Bien. » Er wusste
nicht, was dieses Bien zu bedeuten hatte, aber immerhin erwiderte
der Wirt sein Au revoir und Au revoir hiess ja wie im deutschen
Auf Wiedersehen. Vielleicht wuerde er sich ja nochmal hertrauen.
Vielleicht auch nicht, aber vielleicht auch doch. |
Siebte Woche
| Ein Mistwetter war das wieder. Ob sich
das ueberhaupt lohnte ? Die beachtete ihn bestimmt gar nicht. Und wie er
fror. Die koennte doch einmal aus dem Fenster schauen. Er zog nochmal voll
am Gas, loeste die Bremse und raste laermend auf die Kreuzung zu. Es war
wieder rot, war ihm doch egal, bisher war er immer unbeschadet rueber
gekommen. Als er noch nicht genau gewusst hatte, wo sie genau wohnte, war
er immer um das ganze Studentenwohnheim rumgefahren mit seinem Moped: Avenue
de Saragosse, Avenue Frederico Garcia Lorca, Rue du Li
Boutloube und Avenue du Loup, immer im Kreis. Obwohl er sich
die Avenue Frederico Garcia Lorca auch haette sparen konnen,
schliesslich versperrten eh diese haesslichen Neungeschosser den Blick.
Von den Arabern aus dem Wohnheim, die ebenfalls ein Auge auf sie geworfen
hatten, hatte er erfahren, dass sie im Gebaeude A wohnte, mit dem Fenster
zur Avenue du Loup raus. Ausserdem, so wusste er mittlerweile,
hiess sie Eva und kam aus Dresden in Deutschland. Er hatte sich ja frueher
nie fuer Geographie interessiert, aber nun doch mal seinen Vater gefragt,
wo dieses Dresden eigentlich genau liege. Der konnte ihm das auch nicht
sagen. Sein Kumpel Jean-Baptiste besass einen Globus, auf dem hatte er mal
nachgeschaut. Deutschland hatte er ohne Muehe gefunden, aber Dresden war
darauf nicht eingezeichnet. |
| Wieder trieb er den Motor hoch, seine
Maschine schuettelte sich und machte einen hoellischen Laerm. Aber
irgendwie musste er sie ja auf sich aufmerksam machen. Auch wenn sich die
Mme Gabaix aus der Boulangérie und M Ambert aus der Épicerie schon
mehrmals beschwert hatten. Ja frueher, da war das noch was anderes
gewesen, als er sich jeden Abend mit seinen Freunden Olivier, Yann und
Marc getroffen hatte und sie sich kleine Rennen lieferten, immer die Avenue
du Loup und die Avenue de Saragosse hin und zurueck. Da hatte
sich keiner getraut, was zu sagen. Aber die drei wohnten nicht mehr hier,
arbeiteten schon, waehrend er noch bei seinen Eltern lebte. Gut, er war ja
auch noch juenger. Ja frueher, da waren sie an den Wochenenden mit ihren
Maschinen immer ueber Bizanos rausgefahren Richtung Sueden. Da gab es
einige prima Waldwege, wo einen nur ab und an mal ein paar Fahrradfahrer
stoerten, aber die mussten eben Platz machen. Alleine wollte er da
nicht mehr hinfahren. |
| Er stellte sich mit seinem Moped auf das
Hinterrad. Er kannte hier in der Gegend niemanden, der ihm das nachmachte.
Er konnte sich sogar springend um die eigene Achse drehen. Wenn sie jetzt
gucken wuerde, dann musste sie das doch beeindrucken. Seine erste Freundin
hatte er doch damit auch rumgekriegt. Na gut, Eva war auch aelter,
23 hatte er gehoert. Er war erst 19. Aber er sah aelter aus. Er musste ihr
sein Alter ja nicht sagen. Er wuerde einfach aufrunden: in den Zwanzigern.
Um noch aelter zu wirken, hatte er sich extra nicht rasiert. Er trug auch
keinen Helm, damit sie seinen Bart sehen konnte. Sie sollte gleich
erkennen, mit wem sie es zu tun hatte. Natuerlich war das gefaehrlicher.
Gerade jetzt im November, wo es permanent goss. Aber wenigstens saeumten
keine Baeume die Strasse und ihm blieb feuchtes Laub auf der Strasse
erspart. Somit blieb das Risiko, auszurutschen, einigermassen begrenzt.
Und er hatte ja immerhin seine Knie- und Ellenbogenschoner an. Wenn er
aufpasste, wuerde er schon irgendwie abrollen koennen. |
| Er stuerzte ohnehin nicht oft. Nur diese
verdammte kleine Katze, die immer ueber die Strasse rannte. Mit den
Autofahrern hatte er weniger Probleme. Die hatten eher Probleme mit ihm.
Ihr Verhalten war berechenbar und er jagte seine Maschine ziemlich sicher
zwischen ihnen hindurch. Aber die Katze, die kuemmerte sich kein bisschen
darum, ob sie sich und andere gefaehrdete. Wenn sie ihn nicht ein bisschen
an seine eigene Katze erinnern wuerde, dann haette er mit ihr schon lange
kurzen Prozess gemacht. So wie er es mit der fetten vorgehabt hatte, die
aussah, als waere sie schwanger und das schon seit Jahren. Auf einem Auge
war die blind. Aber seitdem er ihr einmal Steine hinterhergeworfen hatte,
fluechtete sie sich immer, wenn sie ihn erblickte, auf das Gelaende des
Studentenwohnheims, als wenn sie wuesste, dass er sich da nicht hintraute.
Er traute sich immer nur bis zur Einfahrt. |
| Die eingebildeten Studenten guckten
immer so abschaetzig auf ihn, als wenn auf seiner Stirn staende, dass er
nur den BEPC hatte. Nur die Araber kamen manchmal raus, um mit ihm zu
quatschen. Die stoerte sein Abschluss nicht. Er hatte ja auch kein Problem
damit, dass Eva studierte und er nicht. Er wuerde trotzdem was mit ihr
anfangen. Aber warum konnte sie nicht mal rauskommen. Fuer sie war das
doch viel leichter als fuer ihn das reingehen. Was sollte er ihr dann
sagen, erst recht, im Beisein ihrer Freunde? Er fuhr nochmal am
Studentenwohnheim entlang, machte einen kurzen Satz, um mit hochgerissenem
Vorderrad auf dem Hinterrad zu landen. Er machte wieder kehrt und hielt
vor der Laverie. Hier hatte er sie ein paar Mal Waesche waschen
sehen. Doch das war auch schon wieder einige Wochen her. Er hatte auch
schon ueberlegt, seine Waesche hierher zu bringen, aber das hatte seine
Mutter nicht eingesehen. |
| Wenn er nur die Moeglichkeit haette, mit
ihr zu reden. Er war extra zu Mondial Video an der Ecke gegangen
und hatte nach deutschen Filmen gefragt. Aus dem Fernsehen kannte er ja
nur Derrick, aber das war eher was fuer seine Eltern. Deutsche Filme
haetten sie nicht, meinte der Typ, ohne von seiner SMS aufzublicken, die
er gerade schrieb. Nach einer kurzen Pause, wies er dann auf die
Actionabteilung : Terminator, da spiele doch immerhin ein deutscher
Schauspieler mit, dieser Arnoeld Schwarzenaegeur. Den hatte er sich
ausgeliehen, obwohl er den eigentlich schon gesehen hatte. Bei der Fnac
hatte er sich Rammstein gekauft. Wovon die sangen, wusste er auch
nicht, aber er wollte sich einfach schon mal mit der deutschen Kultur
vertraut machen. Das machte einen guten Eindruck. Viele Deutsche, hatte er
gehoert, nahmen ja an, die Franzosen haetten ihnen gegenueber Vorbehalte.
Das stimmte. Er mochte die Deutschen auch nicht, das waren alles Nazis,
ausser vielleicht Eva. Aber bei der war ihm das ohnehin egal. Er wollte
ihr zeigen, dass es ihn nicht stoerte, dass sie aus Deutschland kam. Darum
hatte er auch jetzt wieder sein Trikot vom FC Bayern an. Das trug er
immer, wenn er vor dem Wohnheim rumkurvte. Aber sie schien das nicht mal
zu bemerken. Vielleicht haette er sich lieber das Trikot von der deutschen
Fussballnationalmannschaft kaufen sollen. Aber die spielten ihm dann doch
zu schlecht. Da haette er sich hier im Viertel nur zum Gespoett gemacht.
Er fror schon ganz schoen. So ein Trikot war halt bei 9 Grad und Regen
doch nicht gerade das empfehlenswerteste Kleidungsstueck. Er hatte ja
schon zwei Baumwollunterhemden untergezogen. Aber wenn er unter dem Trikot
noch Pullover und Jacke truege, dann wirkte er damit doch unvorteilhaft
bullig. |
| Sogar einen deutschen Satz hatte er sich
angeeignet : "Willst due meinen Pueller luetschen?" Medin
aus dem Wohnheim hatte ihm den gesagt, hatte aber gemeint, er wisse auch
nicht, was der bedeute. Nur dass das in Deutschland ein Kompliment sei.
Aber was nutzte ihm dieser Satz, wenn er nicht dazu kam, ihn ihr zu sagen.
Warum kam sie nicht einfach mal raus? Hatte das damit zu tun, dass sie
Erasmusstudentin war? Er konnte mit dem Wort Erasmus nichts anfangen,
hatte aber auch nicht den Mut, jemanden aus dem Wohnheim danach zu fragen.
Die hielten ihn dann bestimmt fuer bloed. Seinen Eltern sagte Erasmus auch
nichts. Ob das irgendeine religioese Studentenvereinigung war? Um das
rauszukriegen hatte er sogar das erste Mal in seinem Leben eine
Bibliothek betreten, hatte sich dann aber dort nicht zurechtgefunden,
weshalb er sie gleich wieder verlassen hatte. |
| Mittlerweile es schon halb Sieben. Damit
sie ihn ueberhaupt erkennen konnte, fuhr er schon seit einer Weile nur
noch unter der Laterne hin- und her. Sogar ein paar Mal rumgefahren war er
schon. Mit zunehmender Frustration. Er wuerde es fuer heute sein lassen.
Sie kaeme ja doch nicht mehr. Ausserdem fingen gleich die Simpsons an,
obwohl er, wenn sich oben wieder von seinem Alten wuerde anhoeren
muessen, dass er sich endlich nach einer Arbeit umschauen solle, anstatt
den ganzen Tag nur rumzuhaengen. Aber wozu, was hatte er davon? |
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